Kind mit SchultüteDie Anfänge in Lutheran
Geboren und aufgewachsen bin ich in Lutheran, als Kind eines Öko-Bauern (Papa) und einer Physiotherapeutin (Mama). Von meiner frühen Kindheit ist mir kaum etwas in Erinnerung geblieben. Einzelne Szenen zeigen mir den Dorfkindergarten, und die einzelnen Räume des großen Bauernhauses, in dem ich viel und gerne umherrannte. Sonst ist mir das Aufwachsen mit meinen beiden Schwestern kaum in Erinnerung geblieben. Sicher gingen sie mir auf die Nerven. Und ich ihnen natürlich auch. Heute sagt mir die kleinere ab und an, ich wäre ein guter großer Bruder gewesen. Das freut mich natürlich sehr. Schade nur, dass ich mich an praktisch nichts davon erinnere.
Das woran ich mich erinnern kann, erscheint mir als eine Geschichte der Sucht.

Grundschule in Parchim
Ich hatte schon immer starke Bedürfnisse nach den Dingen, die sich für mich gut anfühlten. Meine erste derartige Erinnerung ist Sport. Wann immer ich konnte, wollte ich meinen Bewegungsdrang ausleben. Ich habe in Vereinen Fußball, Handball, Tischtennis, Tennis und Basketball gespielt. Und draußen herumrennen wurde nur noch übertroffen vom drinnen herumrennen. Sportunterricht war immer am spaßigsten, denn ich war gut darin. Größer als alle anderen, geschickt mit Bällen aller Art. Ich war auch im nicht-Sport-Unterricht relativ geschickt und mir wurde angeboten eine Klasse zu überspringen. Diese Entscheidung wurde mir von meinen Eltern überlassen. Ich hatte Angst und wollte nicht. Ich scheine aber in der Grundschule vom Schulstoff und vom Sport abgesehen keine besonders gute Zeit gehabt zu haben. Also so ganz allgemein. Vor kurzem wurde ein Jubiläum der Montessouri-Schule gefeiert, die meine Mutter extra für meine Schwester mit Down-Syndrom, mitgegründet hatte. Ich habe die Hälfte der Veranstaltung weinend verbracht. Und nicht auf die gute Art. Meine Vermutungen über die Gründe dafür bleiben erst einmal unter Verschluss, bis ich besser verstehe, warum eine so harmlose Veranstaltung in mir solche Verzweiflung weckt.

Gymnasium in Lübz (Klasse 5-9)
Nach der vierten Klasse ging’s aufs nächstgelegene kleine Gymnasium. An die Anfangszeit habe ich erneut kaum eine Erinnerung. Ich habe in meinem ersten „richtigen“ Bio-Test eine 4 geschrieben und mich dafür ziemlich geschämt, danach wurde es aber schnell besser. Meine Lehrer würden mich vermutlich als anstrengend beschreiben. Trotz meiner akzeptablen Leistungen hatte ich das Gefühl nicht aus Überzeugung in die Schule zu gehen, sondern aus einer Art freudigen Angst davor/darauf mit den neuen Menschen zu interagieren. Ich lerne nur für Tests, wenn ich wirklich absolut muss, und manchmal nicht mal dann. Ich entwickle eine Akne. Die freut sich darüber, dass mein Süßigkeitenkonsum explodiert. Ich erinnere mich oft an eine Szene im Urlaub, als ich nachts über dem Portemonaie von Papa stehe und mit mir ringe, ob ich den 50€-Schein einstecken soll, oder nicht. Sind sie zu stark bist du zu schwach. Ich tue es. Danach auch öfter. Ich werde nie so richtig erwischt. Parallel entdecke ich Computerspiele für mich und verbringe immer mehr Zeit in meinem abgeschiedenen Zimmer, wo ich spiele und Süßkram esse bis der Arzt (nicht) kommt. Also habe ich oft Bauchschmerzen und zu wenig schlaf. Sport wird immer uninteressanter, Mädchen jedoch dafür das Zentrum der Welt.

Gymnasium in Lübz (Klasse 10-12)
Meine erste große Verliebtheit wird von meiner Favoritin enttäuscht, und ich bin wie paralysiert. Vielleicht ist auch das einer der Gründe, die dazu führen, dass ich auch meine letzte sportliche Aktivität, das Handballtraining nach und nach aufgebe. Ab und an fahre ich Skateboard, und das Computerspielen nimmt alle Zeit ein, die ich nicht damit verbringe, an Mädchen zu denken und Schokolade zu essen. An den Wochenenden trifft sich der Freundeskreis und kifft sich das Hirn weg.
Ich fahre ab und an Motorrad, das meine Eltern mir geschenkt haben. Zur Bandprobe, zu meiner ersten Freundin, zu ihrer besten Freundin, zum Kiffen oder Biertrinken ans Lagerfeuer. Mein Leben ist aufregend und ich versuche mehrere Unsicherheiten zu jonglieren. Währenddessen habe ich nicht aufgehört meinen Eltern Geld zu stehlen, Spiele mehr am Computer als je zuvor und werde ein regelrechter Gras-Enthusiast. Das Deutsch-Abitur schreibe ich noch etwas high vom Vortag. Es ist die beste Deutschklausur meiner Schullaufbahn. Alles ist möglich, ich mache mir keine Sorgen, und nach dem Abitur geht’s schon irgendwie weiter. Passt schon.

Berlin (2013-2015)
Im Sommer nach dem Abitur, denke ich mir: Ich kann gut Mathe, ich mach irgendwas mit Mathe. Ich ziehe nach Berlin, gründe mit zwei Schulfreunden eine WG. Ich kiffe was das Zeug hält. Das Studium zur Energie- und Prozesstechnik erhält deutlich weniger Aufmerksamkeit als mein PC, und mein Gras. Schuldgefühle sind vorprogrammiert. Eine halbe Flasche Whiskey am Abend und Diskussionen mit meinen Mitbewohnern lenken mich ab. Das macht mir eigentlich am meisten Spaß, bemerke ich. Da die Klausuren am Ende des ersten Semesters für mich sicher zu schwer werden, gebe ich auf. Ich möchte lieber etwas mit einer unmittelbaren Wirkung machen, sage ich mir. Ich Wahrheit sind es jedoch andere Gründe. Nicht nur, dass meine jetzt Ex-Freundin und ihre beste Freundin nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Ich kiffe auch mehr als je zuvor. Irgendwie schaffe ich es, dauerhigh, eine Ausbildung zum Rettungssanitäter abzuschließen, und gehe ein halbes Jahr zur Schule für Gesundheits- und Krankenpfleger in Berlin Westend, bevor ich dort nach einem halben Jahr gebeten werde, zu gehen. Meine Fehlzeiten werden vor allem dadurch untragbar, dass ich mein Drogenproblem zugebe.

Barcelona & Gran Canaria (Sommer 2015)
Ich entscheide ich mich dafür, irgendwo in Europa ein bisschen nach einer Antwort auf die Frage zu suchen, warum ich eigentlich dauernd Gras rauchen will. Zuerst nach Barcelona zu Xavier. Ein dreijähriger Lockenkopf, dessen Mutter einen Babysitter nicht bezahlen kann. Ich renne also mit diesem Freudenbündel durch die Hitze. Wir spielen Fußball und ich amüsiere mich eigentlich sehr. Ich werde Mitglied im DRAGON-Cannabis-Club in Barcelona und rauche mehr als je zuvor. Manchmal rauche ich während ich babysitte. Mir wird bewusst, dass das wohl eine Sucht ist. Einzelne zaghafte Versuche aufzuhören scheitern innerhalb von Wochen. Während einem dieser Versuche erinnere ich mich daran, dass ich gern die Welt verbessern möchte. Ich nehme mir vor herauszufinden wie sie funktioniert und schreibe mich an der Hamburger Uni für Politikwissenschaften ein. Ich fahre viel Skateboard, freunde mich mit einem 19-jährigen Autoschmuggler an und bin eigentlich die ganze Zeit high. Während eines ernsteren Abstinenzversuchs plane ich meine Flucht aus Barcelona. Ich fliege nach Gran Canaria und arbeite im Volver-Hostel in Puerto de Mogán gegen Unterkunft. Auch das macht allerdings keinen Spaß, und ich kann auch hier nicht mit dem Kiffen aufhören. Ich rauche meinen letzten Joint auf den Treppen der Kleinstadt in Spanien. Am nächsten Tag lüge ich meine Arbeitgeber an. Irgendwas mit familiärem Notfall. „Der bin ich.“ Denke ich mir und fliege wieder nach Deutschland.

Hamburg (Sommer 2015 – Herbst 2019)
Ich beginne eine Therapie. Es hilft so sehr, dass ich mir wünsche, dass alle anderen Menschen mal lieber auch eine machen sollten. Ich habe seitdem keinen Alkohol getrunken oder gekifft. Das Studium ist aufregend und ich diskutiere mir in den Seminaren einen Bart. Ab und an habe ich Probleme mit PC-Spielen und Süßkram. Mein Suchtverhalten geht also dorthin zurück, wo es herkam. Ich erlebe alle Erstsemesterveranstaltungen komplett nüchtern. Ich habe viel Angst und überwinde mich öfter als ich für möglich gehalten hätte. Ich kenne praktisch niemanden in Hamburg. Ich freunde mich aber schnell mit einigen lieben Menschen an. Nach und nach beginne ich zu ahnen, dass meine liebste Zukunft in der Ausarbeitung der Ideen liegt, von denen Papa mir immer erzählt. Das erzähle ich einer wunderschönen Poetry-Slam-Moderatorin (Hannah) und sie ist so begeistert, dass sie bald mit mir Waffeln essen geht. Seitdem sind wir zusammen. Wir Ich beginne langsam zu verstehen, dass Aufwand auch eine gute Seite haben kann. Ich versuche mein Leben in fast jeder Hinsicht zu verbessern und scheitere öfter, als dass ich erfolgreich bin. Ich habe mal gehört, dass das bei allen so ist. Mein Studium nähert sich dem Ende und ich plane meine Zukunft, Hannah immer im Hinterkopf. Als ich bemerke, dass der einzige Masterstudiengang, der mir zusagt, in Frankfurt ist, schlucke ich. Die Ur-hamburgische Hannah überwindet sich, und zieht mit mir in den Süden.

Darmstadt (Herbst 2019- )
So bin ich also in Darmstadt angekommen. Gerade habe ich wieder eine Phase hinter mir in der ich jeden Tag mehrere hundert Gramm Schokolade gegessen habe. Auch die Computerspiele mussten erneut alle gelöscht werden, weil ich zu viel Zeit mit ihnen verbracht habe. Ich hoffe, dass ich noch einen Schritt in meiner Entwicklung zurückgehen kann. Dann macht mir wieder Bewegung am meisten Spaß. Körperliche Bewegung natürlich, aber auch die geistige Bewegung im Studium. Hannah und ich renovieren uns eine kleine Wohnung zurecht und verzweifeln regelmäßig an den Anforderungen des Erwachsenseins. Aber solange wir uns haben, erscheint das gar nicht mal so schrecklich.