armin hey kind

26.02.1963, Rotenburg / Hannover
Schon der Anfang ist kritisch. Mit der Nabelschnur um den Hals und blauer Birne kriege ich erstmal eine Sauerstoffmaske, um überhaupt in Gang zu kommen. Am Ende bin ich der Junge, der überlebt. Ich bin der Älteste, vor mir hatte meine Mutter drei Fehlgeburten.

1966 Fintel, Niedersachsen, Lüneburger Heide
Der Bauernhof meiner Eltern grenzt an das Grundstück des Schlachters. An einem heißen Sommertag ist das Tor des Schlachtraums offen. Drinnen steht ein Schwein. Ein Erwachsener hält ihm ein Ding an den Kopf. Ein Karnevalshut? Plötzlich gibt es ein verhaltenes Klopfgeräusch. Im selben Moment bricht das Schwein in sich zusammen. Es knackt, als seien ihm beim Sturz die Beine gebrochen. Noch heute fasst mich das Grauen an, wenn ich daran denke.

1967 Fintel, Niedersachsen, Lüneburger Heide
Meine Eltern arbeiten immer irgendwo auf dem Hof, ich stromere allein und mit den anderen Kindern herum. Als meine Eltern mich mal ans andere Ende des Dorfs zur Viehwaage mitnehmen, um mir etwas Neues zu zeigen, begrüßt mich der Waagemeister: "Na, Armin, auch mal wieder hier?"
Ich darf auch allein zum Schwimmen an den Bach. Ich soll bloß auf meine Sachen aufpassen: Anziehsachen, Bademantel, Schwimmreifen. Ich komme in Badehose nach Hause. Wo die Sachen sind? Weiß ich doch nicht. Sie liegen auf dem Weg wie die Brotkrumen Hänsels und Gretels. (Meine tagträumerische Dödeligkeit hat sich bis heute gehalten. Wenn ich auf meinem täglichen Spaziergang angerufen werde, weiß ich meist nicht, wo ich bin.)
Im selben Jahr bekomme ich einen Bruder. Er macht nichts und kann nichts. Das wird sich auch in den nächsten acht, neun Jahren nicht groß ändern. Aber manchmal darf ich nachts einen Löffel von seinem Babybrei naschen. Banane, weicher Zwieback und nochwas. Saulecker.

1969 Reppenstedt bei Lüneburg
Einschulung im neuen Dorf. Mama ist jetzt Sekräterin, Papa bei der Eisenbahn. Keine Schweine mehr, keine Ferkel, kein Misthaufen. Egal. Wieder bin ich nach der Schule erstmal allein. Ich spiele viel mit meinem Klassenkameraden Andreas. Seine Eltern sind reich, sie haben eine Tankstelle und einen Farbfernseher und einen Flokati im riesigen Wohnzimmer. Wir sind arm. Ich trage unter dem Oberhemd nicht einen Rollkragenpullover, sondern nur einen Rollkragen mit Lätzchen, also einen Rollifake. Als Andreas' Vater das mitkriegt, kriegt er sich vor Lachen gar nicht mehr ein. Der soll mal schön aufpassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man das nicht tut, jemanden auszulachen, der sich keinen ganzen Rolli leisten kann. Mama würde mit ihm schimpfen.

1970 Reppenstedt bei Lüneburg
Bin mit Andreas zusammen der Beste in der Klasse. Fast alles Einsen, wenige Zweien. Beim Lesenlernen hält Frau Vogt Schilder hoch, die wir im Chor vorlesen. Mein Lieblingswort ist 'nicht'. Faszinierend, wie ein kleines Wort den ganzen Satz umdreht.

1972 Wangerooge
Jugendfreizeit. Ich bin eigentlich zu jung, darf dann aber doch mit. Am ersten Tag versenke ich fast mein ganzes Geld in einem Getränkeautomaten. Weil ich mich schäme, werfe ich das versehentlich gezogene Bier weg. Auf einem Ausflug nach Helgoland, wo jeder aus eigener Tasche bezahlen soll, lerne ich, was Durst ist. Aber ich sage nichts. Wenigstens muss ich auch nicht kotzen wie die meisten anderen. Jeden Tag eine Postkarte an Mama, jeden Tag ein Brief von ihr auf die Insel. Heinemann-Briefmarken. Die sind leider nicht selten. Ich sammele nämlich. Joachim versucht, mich beim Tauschen zu betrügen. Er ist dann später Polizist geworden.
Ich bin ein Asterix-Kind. Es gibt Asterix-Kinder und Tim-und-Struppi-Kinder. So wie es Geha-Kinder und Pelikano-Kinder gibt. Ich gehe mit warmen drei Mark in der Hand von Reppenstedt bis nach Lüneburg und kaufe mir 'Asterix als Legionär'. Vielleicht daher die Gewissheit, dass das Soldatenleben ein großer Quatsch ist?

1974 Oedeme bei Lüneburg
Komme ins Gymnasium. Jetzt gibt es hier und da auch mal eine drei und fast keine Einsen mehr. Die Schule ist scheiße. Ich höre auf, Hausaufgaben zu machen, und fange bis zum Abitur auch nicht mehr damit an. Insbesondere mein Mathelehrer verzweifelt schier. Er glaubt, dass ich das höchste Potential hätte, wenn ich nicht so stinkefaul wäre. Egal. Die Eine aus der Siebten hat mich letzte Woche angelächelt. Heute ist Musik, da werden wir uns auf dem Flur wieder begegnen.

1974 Reppenstedt bei Lüneburg
Nach dem Schlusspfiff renne ich nach draußen auf die Straße und bin enttäuscht, dass nicht alle hier sind und tanzen und jubeln. Wir sind Weltmeister! Gerd Müller natürlich. Kleines, dickes Müller. Der hat's den arroganten Holländern gezeigt, den Käsköppen! Sie bleiben auch hinterher der geheime Erb- und Erzfeind, bis schließlich Rijkard ihren Nationalcharakter ganz offenlegt und Tante Käthe (Es gibt nur ein'n Rudi Völler!) mitten im Spiel anspuckt. Na ja, was soll man erwarten von Leuten aus einem Land, das unter dem Meeresspiegel liegt.

armin hey teen

1975-1980 Reppenstedt bei Lüneburg
Die Pu-, die Pu-, die Puber-, Pubertät. Mädchen. Noch gestern langweilige Tatsachen, die in der Klasse auf der anderen Seite sitzen, nicht Fußball spielen und auch sonst nichts können. Plötzlich irgendwie Zauberwesen, die einen verhexen.
Nochmal Klassenfahrt nach Wangerooge. Eine Karte nach Hause, unter Androhung von Konsequenzen erzwungen. Aber trotzdem: mal ein paar Tage keine Alten. Ich kriege die schönsten Bauchschmerzen meines Lebens. Es ist eine Nierenkolik, es tut säuisch weh, aber ich kriege vom Arzt echtes Bier verschrieben. Der Neid der anderen lässt das ekle Gebräu wie Nektar schmecken.
Gegen Pubertät hilft nur Tischtennis. Zuerst Rundlauf im Keller der Kirche, dann im TUS Reppenstedt. Fahre nach Hamburg und kaufe mir da die besten Beläge. Alchemistengeruch. Mit Sriver 2.0 auf der Vor- und Super-Sriver 1.5 auf der Rückhand kann man eigentlich nicht mehr verlieren. Dennoch ist irgendwann alles zu pupig, der Ball zu klein, und Mädchen gibt's hier auch nicht.
Gegen Pubertät hilft nur Handball. Als großgewachsener Linkshänder bin ich sofort so eine Art Goldstaub. Macht Spaß. Und Mädchen gibt's auch. Besonders die Eine mit dem goldenen Zopf.

1976 London
Mit Nik, Falk und Falks Vater, sie nehmen offenbar den mittellosen Jungen aus Mitleid mit, mit dem Flugzeug nach London. Allerhand Bombastisches. Bei 'Wendy' ein Banana-boat. Köstlich. Der apple-pie allerdings ist zum Kotzen. Der Rezeptionsbulle in der Herberge hört, dass ich Armin heiße und nennt mich ab da nur noch 'Idi Amin'. Na ja, fish'n ships country. Say no more. Der Rückflug bleibt meine letzte Reise mit dem Flugzeug bis 2018.

1977 Weserbergland
Fahrradtour mit Patenonkel Hans, dessen Sohn Christian und kleiner Schwester. Christians und meine Sportschuhe (Puma Goldfit) stinken so infernalisch, dass sie in den Jugendherbergen, wo man einiges gewohnt ist, nicht im Zimmer bleiben dürfen. Explosionsgefahr (siehe Asterix auf Korsika).
Zu Hause ein Zeitungsartikel über den Atombombenabwurf über Hiroshima. Die Vorstellung der bis heute andauernden schrecklichen Folgen trifft mich ohne Vorbereitung. Ich werde so von Trauer und Angst überwältigt wie seit meiner Kleinkinderzeit nicht mehr. Über dreißig Jahre nach der Detonation fliegt meine heile Kinderwelt in die Luft. Nackt, frierend und schutzlos stehe ich plötzlich da. Die Welt hat für mich ihre Unschuld und ihr Wohlwollen verloren.

1981 Spanien, Portugal
Interrail mit Freundin. 'Two big persons, one little tent'. Sie ist nicht die Eine, aber sie ist lieb. Und der Portwein in Porto schmeckt. Süffig. In Portugal ist der Mond so groß wie ein tibetanischer Gebetsgong mit Innenbeleuchtung. Und es ist unfassbar heiß. Ich wringe mein T-Shirt nicht aus, hat gar keinen Zweck. Fenster aufmachen bringt nichts. Noch heißere Luft bläst rein, wie aus einem überdimensionierten Höllenföhn. Ein paar Plätze weiter ein älterer Portugiese. Langärmliges Oberhemd, drunter Unterhemd, drüber Wollpollunder. Kein Schweißtropfen, kein einziger. Ich starre ihn an, bis er sich mir zuwendet und mir gütig zunickt. Nicht zu glauben.

1981-82 Reppenstedt bei Lüneburg
Zu Hause Gorleben, Brokdorf. In der Hochschule Lüneburg Plena mit den Erwachsenen vom KB: „Wir wollen da nicht bloß rumlatschen, wir wollen auch was tun.“ Sie zeigen Bolzenschneider vor. Gewalt, Ogottogott. Aber nie coolere Leute gesehen. An der Jugendzimmer-Kleiderschranktür aus Plastikfurnier , ein großes ‚Why?‘-Poster und Khalil Gibran: ‚Deine Kinder sind nicht deine Kinder …‘, mit der mechanischen Schreibmaschine der Firma Borsig (Leihgabe von Mama) abgeschrieben. Erinnerung an das Schweineschlachten in Fintel, Erinnerung an den Zeitungsartikel über Hiroshima. Was ist da bloß los? Ich will das jetzt wissen. Ich verkaufe meine ganzen Musikkassetten im Keller der Schule und kaufe mir Bücher. Zuerst eine Gesamtausgabe von Walter Benjamin. Dann, auf Urlaub bei Oma in der DDR, MEW 23, 24, 25: Das Kapital.
Fazit der revolutionären Lektüren: Ach so ist das! Na, dann sage ich einfach allen Bescheid, wir schaffen den Kapitalismus ab und alles wird schön. Absurderweise glaubt mir niemand, ganz im Gegenteil.
Mein Vater stürmt die Treppe hoch und reißt mein Marx-Plakat von der Zimmertür. Er ist 1960 mit seiner hochschwangeren Frau aus der DDR geflohen und kennt das Wort 'Kommunist' nur als Kompositum mit 'Verbrecher'. Idiot.

1982 Reppenstedt bei Lüneburg
Die Eine mag mich erstaunlicherweise. Ein unbeholfener, ängstlicher Nachmittag auf der braunen Cordliege in meinem 3-Quadratmeter-Zimmer mit Schräge. Ich bin für immer verloren. Sie nicht so, auf der nächsten Skifahrt geht sie mit einem anderen. Ich konnte nicht mit, bin beim Handball schwer umgeknickt. Tja, PGH (Pech gehabt). Ich liege mit Zinkleim-Verband allein auf dem Breitcord und höre immer die gleiche Kassette. Auf der einen Seite 5 Mal Peter Allen, I go to Rio (live), auf der anderen Baker Street von Gerry Rafferty. Hundertmal, tausendmal. Es ist ein Elend. Die Welt ist ein Elend. Und diesen Scheißtypen, der Gitarre spielen kann und jede Woche eine andere Freundin hat, werde ich umbringen, bis er tot ist. Lass mal erstmal meinen Fuß gesund werden.
Ach ja, und dann noch Abi. Großer Auftritt in der Abiklausur in Chemie. Es gibt extra fabrikneue Reagenzgläschen und auch sonst allerlei wichtig-wichtig-Getue. Ich packe die Gläschen gar nicht aus und gehe nach fünf Minuten. Sie kucken alle wie die Mondkälber. Fühle mich 5 Minuten lang echt gut. Dann Sorgen: Durchfallen und noch ein Jahr wäre gar nicht cool. Aber ich schaffe es. Aus unerfindlichen Gründen gibt es in meinem Jahrgang und nur in meinem Jahrgang die Möglichkeit, Sport als zweites Leistungsfach zu wählen. Also: Handball 15 Punkte, Tischtennis 14 Punkte, Basketball 13 Punkte. Abi unter Dach und Fach. Geht doch. Und nun mal schnellstens raus aus der Kirche, aus dem Opiumclub.

armin hey youngster1983 Hochschule Lüneburg
Auszug von zu Hause und erste eigene Wohnung in Lüneburg. Eine Befreiung. Meist gibt es Stampfkartoffeln mit reingeschnibbelter Salami. Ein Fest!
Kapitalkurs, Vorlesungen bei Hermann Schweppenhäuser, einem Adorno-Schüler. Minima Moralia, Dialektik der Aufklärung. Im Sommer 'Philosophische Sommerschule' in der Heimvolkshochschule Göhrde. Aristoteles, Freud etc.
Bei der Lektüre der Minma Moralia, kein Scheiß, ischwöre, eine Erleuchtung. Es kriecht mir wie weiße, angenehm warme Lava den Rücken hoch und ergießt sich in meinen Schädel. Ein Glücksgefühl wie ... wir sprechen das mal lieber nicht aus.

1984 Gorleben
In der Hochschule Vorbesprechung zur Verhinderung des Anlieferung von Atommüll. Einige verlangen, der Widerstand müsse gewaltlos sein. Ältere, KBler und Freunde, sagen wieder, wenn sie schon losziehen, dann wollen sie auch was machen. Ich weiß nicht so recht.
Jedenfalls ziehe ich mit. Unsere Gruppe geht am späten Abend los, stürzt sich vor umherfahrenden Bullenpatrouillen in Gräben und verharrt im Wald. Am Morgen dann Straßenblockade. Die Bullen kommen mit Hubschraubern, martialischer Auftritt, damals noch relativ neu, mit Kampfanzügen. Einkesselung, dann Abtransport nach jwd, von wo wir kilometerlang zurücklatschen müssen. Wir wussten, dass wir nicht gewinnen konnten. Es war eine Selbstverständlichkeit.

1985 Berlin
Nach drei Instanzen - ich habe meine Begründung philosophisch revolutionär gestaltet - werde ich endlich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt. Will ich jetzt im Zivildienst praktisch umsonst Pisspötte schwenken? Das will ich nicht. Außerdem ist meine Freundin, nicht die Eine, aber sie ist lieb, gerade nach Berlin gezogen. Ich hinterher. FU: Philosophie, Politik, Soziologie, Religionswissenschaft.

1987 Berlin
Selber Geld verdienen. Erst Putze, dann Tresenschlampe im 'Simsalat', Salatbar in der Ansbacher, nahe dem Wittenbergplatz. Viel schwules Publikum, ab und zu werde ich angemacht, habe aber keine Ambitionen. Besonders die 'Frittentrine' vom 'KiDeWe' gegenüber dem großen Kaufhaus ist hinter mir her. Möchte gemeinsamen Saunabesuch cum hinterher noch weggehen. Aber ich bin und bleibe eine langweilige Hete.
Am 1. Mai Bambule in Kreuzberg. Ich bin hackenstramm und renne selbstgefährdend zwischen Autonomen, Publikum und Bullen rum. Einmal nehmen sie mich ins Visier, die Schläger mit den Holzknüppeln. Ich flüchte auf einen Hinterhof und renne die Treppen hoch. Sie folgen mir nicht. Herzklopfen. Die blöden Bullen. Die Autonomen haben die Straßenschilder vollgesprüht. Das überfordert die Staatsmacht. Die auswärtigen Bullen fahren ganz offensichtlich vollkommen kopflos durch die Gegend. Dann brennt der Bolle am Görlitzer und die Leute holen sich die Innereien. Der U-Bahnhof ist im wesentlichen zerlegt. Promillegestütze Aufwallung anarchistischen Stolzes. Dann aber doch lieber nach Hause, pennen gehen.

1987 Kusadasi, türkische Riviera
Kaffeefahrt zu dritt auf dem kleinen Segelboot meines Quasi-Schwiegervaters. Von Land in enormer Geschwindigkeit ein schwarzes Wolkengebirge. Von jetzt auf eben Windstärke 12. Es gibt nur eins, mit dem Wind seewärts ablaufen. Segel einholen unmöglich. Haushohe Wellen verschmelzen mit dem Himmel zu einem düsteren Inferno. Wir geraten, obwohl das nicht geschehen darf, doch seitlich zum Wind, das Boot will kippen, der Mast patscht aufs Wasser. Ich habe mich in die Reling gekeilt und sehe vor mir die kalte See wie eine Wand. Das war's, denke ich. Es ist gar nicht so grauenvoll. Im Leben setzen ja keine panischen Streicher ein, es vollzieht sich keine gezielte Dramaturgie. Das Ende läuft einfach ab. Aber noch nicht jetzt. Meine Freundin ist unter Deck und kotzt dort alles voll, ihr Alter ist nur darauf konzentriert, das Ruder festzuhalten und nicht selbst über Bord zu gehen, und ich sehe, wie der Mast sich wieder hebt, das Boot sich wieder in Richtung stellt und wir weiter fahren, irgendwohin aufs Meer hinaus.
Eine Nacht ankern wir mit Hagebuttentee und Pumpernickel aus der Dose hinter einer kleinen Insel. Ich muss schwimmend Taue an Land bringen und sie um die paar Büsche schlingen, die dort stehen. Wir wollen ja nicht aus Versehen aus dem Windschatten der Insel heraustreiben. Der Anker nämlich hält nicht so richtig. Scheiße, ist das Wasser kalt.
Am nächsten Tag tut das Wetter, als wäre nichts geschehen. Die Sonne scheint. Kein Wind. Bevor wir in den Hafen einlaufen, verstecken wir das zerrissene Segel unter Deck. Ein zerrissenes Segel ist unseemännisch, das ist peinlich. Ich gehe über die Mole mit breiten Beinen wie ein Seemann. Nie wieder werde ich segeln gehen.

1988 Berlin
Arbeit im selbst gebauten Hängemattenladen in der Krummen Straße, U-Bahn Deutsche Oper. Die Sache mit Ohnesorg wusste ich damals gar nicht, das war keine hundert Meter weg. Bin wahrscheinlich der beste Hängemattenfachverkäufer der Stadt. "Was, Sie wollen eine Hängematte mit Stützholz? Dann können Sie ihre Wirbelsäule gleich begraben. Man liegt möglichst quer in einem möglichst großen Tuch. Unsere Linie 'Flagranti' bietet da beste brasilianische Ware." Mein Boss importiert, ich verticke. Die Tage sind lang, der Ansturm hält sich in Grenzen, ich lerne im Lager hinten ein bisschen Jonglieren.

1989 Berlin
Meine Freundin, nicht die Eine, aber sie war lieb, ist Vergangenheit. Ich rechne nach. Seit acht Jahren hat sie micht zugunsten diverser anderer Typen jedes Jahr einmal verlassen und ist wieder zurückgekehrt. Jetzt ist finito. Als sie ihre Sachen abholt und ihren neuen Freund anherrscht, er möge sich beim Kühlschrank aus dem Keller hieven nicht so blöd anstellen, amüsiere ich mich schon. Sie war im Grunde immer schon eine unglückliche Frau.
Ich höre viel Oper. Mozart, Verdi. La donna è mobile. Genau.
Maueröffnung. Ich stehe mit Freund Nik am Selevački-Grill in der Nähe der U-Bahn Birkenstraße. Wir wollen nochmal beigehen, in Ostberlin den Zwangsumtausch zu versaufen. Der letzte Versuch ist gescheitert. Trotz Einkehren in einer Nachtbar am Alex haben wir die Kohle nicht alle gekriegt. Wenn ein Bier nur 50 Pfennig kostet, hast du einfach keine Chance, 20 Mark zu verjubeln. Wir suchen nach alternativen Ideen. Plötzlich kommen Trabis die Straße runter. DDRler in Plastikwindjacke und Schweinsledersandalen umarmen uns. Wir müssen ein paar Taschenflaschen ausgeben. Wir! Die armen Studenten! Auch der jugoslawische Wirt freut sich. Worüber, wissen wir nicht.
Ich wohne zu der Zeit in der Köpenicker Straße am Schlesischen Tor. Die DDR-Bürger stehen in den folgenden Wochen Schlange vor der Bank, um ihren Hunni abzuholen. Die Schlange ist mehrere Hundert Meter lang, von der U-Bahn bis zur Mauer. Sie haben Stühle und Tische dabei und campieren praktisch auf dem Bürgersteig. An der Schlange fährt mehrmals eine Bullenwanne vorbei. Sie geben über Lautsprecher bekannt, dass es in dieser Bank kein Geld mehr gebe. Man solle sein Glück am Mehringdamm versuchen. Niemand rührt sich. Ich sehe, das nimmt kein gutes Ende mit der DDR.
In der Hochbahn am Schlesischen Tor Panikattacken. Noch ist die Station Endstation. Dennoch ist die Bahn so voll, dass man buchstäblich nicht mehr atmen kann. Ich Idiot habe mich sogar hingesetzt. Als der Zug losfährt, quietscht er sehr ungewohnt und schaukelt hin und her. Panik runterzufallen. Am Görlitzer kämpfe ich mich nach draußen und fahre mit dem Bus. Der ist auch voll, macht aber einen stabileren Eindruck.
Im Folgenden Mauergepickel und der bekannte Verkauf der DDR ans Kapital. Alles nebenbei.
Silvester mit Milch und Stulle, allein. Ich denke an eine akademische Karriere. Ohne Freundin. Fleißig studieren. Meine letzte Hausarbeit über die materialistischen Möglichkeiten der Psychoanalyse war ein Erfolg. Der Dozent sagte, die wäre praktisch schon das Grundgerüst für eine Diss.

armin hey 1998

1990 Berlin
Der 'Simsalat' hat dicht gemacht. Ich bin jetzt bei der Post am Paketschalter. Postamt 211 am Hansaplatz, das Intellektuellenpostamt. Max Goldt gibt einen Brief bei mir ab, einmal kommt die große Edith Clever mit einem Päckchen. Aber sie deklamiert keine Verse aus der Orestie, sondern fordert mich nur auf, das Ding korrekt zu frankieren. Ich mache es. Die Begegnung ist etwas enttäuschend. Aischylos bleibt mir bis heute fremd.
15. Juni. Die Eine, die jetzt in Hamburg wohnt, besucht mich. Wir gehen ins Kino, 'Amadeus' im 'Intim'. Sie bleibt da. So fühlt es sich also an, das Paradies. Ich könnte mich dran gewöhnen und darf das auch. Jeden 15. geben wir uns ein extra Küsschen, diesen Monat (Oktober 2019) zum 352. Mal.

1992 Berlin
Ich werde 29, die Meine drei Tage später auch. Wir leben polizeiwidrig glücklich in unserer 30 Quadratmeter Wohnung. Meine Eltern fragen dringend an, ob ich nicht den Bauernhof in Mecklenburg, den sie im Zuge einer Wiedereinrichtung rückübertragen bekommen haben, übernehmen wolle. Mein Bruder hilft schon mit, will aber kein Bauer werden. Ich auch nicht.
Im Mai ziehen wir auf den Hof nach Lutheran in Mecklenburg. Regina ist schwanger. Ich werde Bauer. Wir heiraten. Alles ist gut.

1993 Lutheran, Mecklenburg
Regina bringt unser erstes Kind zur Welt. Charlotte hat das Down-Syndrom. Wir sind so traurig und verzweifelt wie nie, aber das nützt ja nichts. Tausendmal herzliche Gratulation und anschließend hilfloses Hüsteln. Höre öfters das Wort 'Andersbegabte'. Was für ein verlogener, verschissener Hohn. Aber aus der Katastrophe wird Normalität, Charlotte ist Charlotte, sie stellt sich für einen Downie äußerst pfiffig an, lebt inzwischen mit ihrem Freund in eigener Wohnung und freut sich oft ihres Lebens. Dann freuen wir uns mit. Sie hat auch eine dunkle Seite, aber es ist schön, dass sie leben darf und nicht abgetrieben wurde, wie es gerade zur Regel wird.

1994 Lutheran, Mecklenburg
Im Mai überschreibt mein Vater mir den Hof. Die Alten ziehen zurück nach Lüneburg, es geht nicht gemeinsam in einem Haus. Ich trete wieder in die Kirche ein. Andernfalls könnten die Pachtverträge verlorengehen. Sie haben da einen Passus, der fristlose Kündigung im Falle des Vertrauensverlustes vorsieht. Na ja, Paris ist eine Messe wert.
Regina schenkt uns Theo. Ja, sein Name war meine Idee. Irgendwie scheint er die Defizite seiner großen Schwester kompensieren zu wollen. Er wird diagnostiziert als besonders hochbegabt. Er ist helle und schnell im Kopf und der liebste Sohn, den man sich wünschen kann. In seinem Alter, jetzt 24, leidet er unter der Hypothek, dass ihn der Geist gestreift hat. Ich will helfen, so gut ich kann, aber es ist, ich erinnere mich, nicht leicht zu verkraften, wenn man erkennt, dass alles so einfach sein könnte, aber die meisten Menschen so verletzt und gepanzert sind, dass alles schwierig ist und bleibt.

1996 Lutheran, Mecklenburg
Endlich kann ich mir die Umstellung auf ökologischen Landbau leisten. Einige Experimente, z. B. die Entwicklung eines Käfersammelgerätes für Rapsglanzkäfer. Eine Idee aus der 'Neuen Landwirtschaftlichen Presse' aus der Kaiserzeit. Das Gerät funktioniert, ich verkaufe es an die Landesforschungsanstalt SH in Trenthorst. Auch das von mir entwickelte Verfahren von Getreide in Klee funktioniert so lala. Ich habe aber nicht das Kapital, um etwas allgemein Praxistaugliches daraus zu machen. Wir gehen später auf einfache Fruchtfolgen zurück und produzieren Getreidesaatgut.

1999 Lutheran, Mecklenburg
Juliane wird geboren. Zwei Jahre später sitzt sie im Maxi-Cosy, als wir mit dem Auto unterwegs sind. Eine Regenwolke zieht ab und sie kräht ihren allerersten 3-Wort-Satz in die Welt: "Die Sonne scheint", geschätzte 500 Mal, bis wir zu Hause sind. Sie ist selbst unser kleiner Sonnenschein. Inzwischen haben wir als Eltern dazugelernt. Wir wissen, dass man ihnen soviel gestatten soll, wie es irgend geht. Seit sie klein ist, reitet sie auf der Welle, immer auf der größten, lachend. Später verpasst sie am Wochenende keine Feier, reist nach Frankreich und Israel und Griechenland, probiert die Jungs nach Gusto, macht nebenbei ihr Abi mit 1,0 inklusive Schulpreis für Mathematik und jetzt Psychologiestudium in Berlin.
Ich bin übrigens der Vater.

armin hey 2008

2003 Lutheran, Mecklenburg
Pünktlich mit 40 Rückenkrise. Die Schmerzen sind teils unerträglich. Ich möchte manchmal sterben. Ohne Ironie, ganz im Ernst. Es gibt keine therapierbare Diagnose. MRT usw. zeigen, ja, alles ist ein bisschen schief und krumm, aber nichts Manifestes. Wir fangen bei Pontius an, Pilatus schließlich in einer Spezialklinik in Plau sagt: 1 Jahr. Dann hat sich der Körper sortiert. Und so kommt es. Nach 13 Monaten hören die Schmerzen auf, der Rücken ist besser als vorher. Kaufe trotzdem keinen Porsche.

2009 Lutheran, Mecklenburg
Im Winter hat der Ackerbauer Zeit. Und der Beruf selbst ist inzwischen doch unangenehm stupid. Letztlich sind die Regeln überschaubar und das Wetter nicht zu beeinflussen. Ich nehme mal ein paar der alten philosophischen Bücher in die Hand. Was tun? Nach einigem Sinnieren komme ich auf die Idee des Uterusparadieses mitsamt der Entdeckung des Sinns menschlichen Lebens. Klingt Bescheuert. Aber na und? Aufschreiben und zur Diskussion stellen. Wenn's dann nichts war, dann war's doch aber wenigstens das, was ich beizutragen hatte. Endloses hin- und herüberlegen. Erste Notizen zum Roman. Hat ja alles Zeit.

2010 Wolfenbüttel
In der Bundesakademie die ersten Schreibseminare, seitdem immer mal wieder, insgesamt ein Dutzend Mal. Die Kritik wird zunehmend wohlwollender. Besonders mein mündlicher Vortrag wird in letzter Zeit fast überschwänglich gelobt. Ich freue mich, kann das aber nicht nachempfinden. Meine Stimme ist mir selbst wohl zu selbstverständlich.

armin hey 2014

2013 Lutheran, Mecklenburg
Krebs. Hochmalignes Non-Hodgekin-B-Zellen-Lymphom. Eingeliefert werde ich mit Verdacht auf Blinddarmentzündung. Dann machen sie mich auf und nehmen mir den halben Dickdarm raus. Wenn ich heute höre, dass manche Frauen Narben bei Männern sexy finden, muss ich lachen, denn mein Bauch sieht aus, wie ein gefüllter Rippenbraten, von oben bis unten zugetackert. Jedenfalls gibt es in Parchim keinen 'Schnellschnitt', d. h. sie wissen während der Operation nicht, was für Geschwüre sie da rausschneiden. Im Raum steht deshalb ein paar Tage lang Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium. 14 Tage vor meiner Operation ist ein gleichaltriger Freund an eben diesem Krebs gestorben. Ich schaue also zum zweiten Mal in meinem Leben Freund Hein in die Augen. Es ist – nicht so gruselig, wie ich vorher gedacht hätte. Ich glaube, die ganze brotlose Philosophie hat mir wenigstens geholfen, die Angst vor dem Tod zu verlieren. Ich glaube bis heute, dass es ganz richtig ist zu sterben. Irgendwann wird’s langweilig, so oder so.
Als die Diagnose steht, stellt sich heraus, dass 'hochmalign' gut therapierbar bedeutet. Im Sommer des nächsten Jahres bin ich mit der Chemo fertig und seitdem gibt's erwartungsgemäß keinerlei Rückfall. Wird also noch ein bisschen dauern. Ich habe ja auch den Roman noch fertig zu schreiben.

2014 Roter Strumpf, Lübz, Mecklenburg
Charlotte und Theo sind aus dem Haus, Julchen, mit fünf eingeschult, muss noch Abi machen, kratzt aber auch schon mit den Hufen. Wir ziehen von der lauten Hauptstraße in Lutheran an den Waldrand auf der anderen Seite von Lübz, nach Bobzin. Adresse: Roter Strumpf 4a. Passt. Hier bleiben wir, bis wir rausgetragen werden, kleine Bibliothek, kleine Dachterrasse, kleines Grundstück. Das ist es. Und ab und zu nach Berlin, bunte Leute ankucken.

2016 Roter Strumpf, Lübz, Mecklenburg
Der Bauernhof in Lutheran wird verpachtet, mit dem Ziel, ihn zu verkaufen. Ab jetzt intensive Arbeit am Roman. Erst jetzt, wo das Joch abgeschüttelt ist, wird mir so richtig klar, was für eine Scheiße die Kleinunternehmerexistenz ist. Mehrmals war der Betrieb nahe am Abgrund, mit mehreren Hunderttausend Schulden, dabei musste die Familie doch ernährt werden. Immer die Abhängigkeit vom Wetter, die einem christliche Demut einbläut, immer die stupide Arbeit, immer die Prostitution gegenüber Banken und Verpächtern, immer die Nötigung zu schändlichem Verhalten den Angestellten gegenüber, den Kunden gegenüber, den Lieferanten gegenüber. Theoretisch wusste ich schon, dass der Kapitalismus schlimm ist, aber praktisch erlebt, fällt der letzte Zweifel fort. Das betriebswirtschaftliche Kalkül ist der reale Teufel der Gegenwart. Die Reichen müssen enteignet und zu einem mittelgroßen Bungalow auf einem mittelgroßen Grundstück in einer mittelgroßen Stadt verurteilt werden. Und dann die Marktwirtschaft abgeschafft. Sonst wird die Barbarei immer schlimmer werden.

armin hey 2019

2017 Roter Strumpf, Lübz, Mecklenburg
Laientheatergruppe. Macht viel Spaß. Im Weihnachtsprogramm singe ich den Titel 'Fuck Chrstmas' von Eric Idle. Die Künstlerkolonie jubelt. Privat würde ich gern mal 'Die schöne Müllerin' einüben. Nicht einfach, zumal ich noch nicht mal richtig Noten lesen kann. Aber sehr, sehr schön. Meinen Gesangsunterricht habe ich aufgegeben. Mit einigem Fleiß, sagte die Lehrerin, könnte ich ein ganz brauchbarer Bariton sein. Wird wohl nichts mehr. So wie die Professur.

2018 Roter Strumpf, Lübz, Mecklenburg
Endlich wieder raus aus der Kirche. Man fühlt sich wie frisch gewaschen und denkt an Nietzsche: Wenn es Götter gäbe, wie könnt ich ertragen, keiner zu sein, und an Schopenhauer: Wenn es einen Gott gibt, so möchte ich dieser Gott nicht sein. Das Elend der Welt würde mir das Herz brechen.
Im November ist nach rund zehn Jahren der erste Band des utopischen Romans fertig. Für die geplanten weiteren sieben Bände liegen ca. 500 Seiten Treatment vor. Jetzt geduldig und fleißig weitermachen. Wenn das Ding fertig ist, könnte ich auch sterben, dann habe ich meinen Satz gesagt. Die Meine möchte das nicht, also, dass ich dann den Löffel abgebe. Na gut, lebe ich halt noch ein bisschen länger. Jeden Monat ein extra Küsschen. Das ist Grund genug. Und vielleicht erfreuen sich ja auch ein paar Leserinnen und Leser an meinen Büchern, vielleicht ein paar Millionen?
Fange mit Theo einen Podcast an: Heyfischbecken. Themen: Gott und die Welt. Mir leuchtet das Konzept des Podcasts nicht so recht ein, bin aber stolz wie Lumpi, dass der junge Mann, der jetzt mit Feuereifer die Politischen Wissenschaften studiert, mit mir reden will. Und es macht sehr viel Spaß.

2019 Roter Strumpf, Lübz, Mecklenburg
Nachdem die Wangeliner Theatergruppe sich aufgelöst hat, stelle ich mich bei den ‚Pütter Brettern‘ in Parchim vor. Sie empfangen mich mit offenen Armen. Obwohl ich erst drei Wochen vor der Premiere des seit dem Vorjahr eingeübten Stückes dazukomme, darf ich sofort eine kleine Rolle übernehmen. Die Mitspielerinnen und Mitspieler, die Regisseurin und der Regisseur, das Spielen machen soviel Freude, dass ich mich nur frage, warum ich nicht viel früher dahingegangen bin.
Nun erscheint der erste Band meines Romans. Nach sieben Satzbausteinabsagen von elf Agenturen und zwanzig großen Verlagen (die übrigen würdigen mich gar keiner Antwort), werde ich lieber selbst zum Verlag. Ende November Vorstellung des Buches bei der ersten Lesung gegen Eintritt. Im Papillon in Parchim. Der ideale Ort.

Dokumente: Urkunde 20 Jahre Bioland