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Die Motivation: Reale Unmenschlichkeit

Ich weiß noch, ich spielte Tischtennis, dann Handball. Ich begehrte die Mädchen und hatte gleichzeitig Angst vor ihnen, ich tat alles, um ihnen zu gefallen und überhaupt Anerkennung und Geborgenheit unter Gleichaltrigen zu finden. Das war ein Fulltimejob. Die Eltern, die Götter der Vergangenheit, wurden fremd und hinderlich. Sie nervten, aber sie waren nicht wirklich gefährlich, bei ihnen konnte ich wohnen, und außerdem waren sie als unvermeidbare Instanz schlicht hinzunehmen. Eltern waren selbstverständlicher Alltag, wie die Schule, wie zuwenig Geld in der Kneipe und ein Platten am Fahrrad; voller Generve, aber letztlich zuverlässig und grundsätzlich für mich da.
Und dann fiel die Bombe. Es war die Bombe von Hiroshima. Ich las in der Zeitung einen Artikel über deren Abwurf und die jahrzehntelangen Folgen. Ich weiß noch, dass ich so von Trauer und Angst überwältigt wurde wie seit meiner Kleinkinderzeit nicht mehr. Über dreißig Jahre nach der Detonation flog meine heile Kinderwelt in die Luft. Nackt, frierend und schutzlos stand ich plötzlich da. Die Welt hatte ihre Unschuld und ihr Wohlwollen verloren. Wie war das bloß möglich gewesen? Wie konnten Menschen anderen Menschen so etwas antun?
Die Filme über die KZs der Nazis in der Schule kamen später. Sie waren sogar noch furchtbarer, aber da hing schon das Plakat in meinem Zimmer mit dem sterbend zu Boden fallenden Soldaten und der Überschrift ‚Why?'. Da war mir schon bewusst, dass es unausdenkbare Greuel tatsächlich gab und gibt und dass es unbedingt notwendig ist zu verstehen, wie das möglich ist, um nicht komplett irre zu werden, dass es unbedingt notwendig ist, einen Weg zu finden, um den Hunger und die Folter und die tödliche Kälte unter den Menschen und die Kriege und die Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlagen und die Brutalität und Herzlosigkeit und die ganze Unmenschlichkeit zu beenden und nie wieder aufleben zu lassen.

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