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Freud und Adorno (1991)

Freie Universität Berlin
SS 1991
Religionswissenschaftliches Institut
Seminar 23414 s
Zum kultischen Aspekt in den Subjekt­theorien der Psychoanalyse II ‑
Konstruktionen der Kinderanalyse
Dozent: Martin Treml

Hausarbeit zum Abschluß des Grundstudiums
Thema: Die historisch – materialistische Seite der Freudschen Subjekttheorie
unter besonderer Berücksichtigung der Kritik an der Psychoanalyse
durch Theodor W. Adorno

Armin Hey Stendaler Str. 5 1000 Berlin 21 Tel.: 3965462

VORBEMERKUNG

Diese Arbeit soll einen ersten Versuch darstellen, die Psychoanalyse Freuds in ihrer Bedeutung für die Aufklärung zu begreifen. Aufklärung verstehe ich hierbei negativ, nämlich als Antwort auf die Frage, "warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt."(Adorno/Horkheimer, 1944, 11)

Die Möglichkeiten und Grenzen der Psychoanalyse in diesem Sinn will ich in den ersten vier Kapiteln immanent und in den letzten drei Kapiteln mittels Adornos Kritik betrachten. Im ersten Teil geht es um die explizite und implizite Stellung Freuds zur Marxschen Theorie als der Grund­lage aufklärerischer Bemühungen in der Gegenwart (1. Kapitel: "Freuds Kritik der Gesellschaft und der marxistischen Gesellschaftskritik"; 2. Kapitel: "Freuds Materialismus und dessen Abstand zum Posi­tivismus"), sodann um deren Niederschlag in den inhaltlichen Kategorien der Psychoanalyse (3. Kapi­tel: "Trauma oder Triebanlage? Der implizit histo­risch‑ materialistische Weg Freuds"; 4. Kapitel: "Ontogenese und Phylogenese ‑ Freuds Begriff von Vererbung"). Im zweiten Teil soll zunächst Adornos Einver­ständnis mit der Psychoanalyse betont werden (5. Kapitel: "Adornos Verteidigung Freuds gegen Revisionisten"), des weiteren eine allgemeine Charakterisierung seiner Kritik versucht (6. Kapi­tel: "Die Hauptrichtung der Kritik Adornos"). Im 7. Kapitel, ''Die Psychoanalyse als traditionelle Theorie", will ich auf Details eingehen. Hier geht es, vorbereitend, thesenhaft formuliert, um die Dialektik von Individuum und Gesellschaft und weiterhin um deren Anwendung auf den Freudschen Begriff des Unbewußten, speziell: des Es. Die Spannweite des Themas ließ im Rahmen dieser Arbeit gründliche Behandlung leider nicht zu. Doch habe ich den Eindruck, eine Beschränkung auf einzelne Aspekte hätte dem Begriff von der Wirklichkeit nur noch we­niger genügen können, indem ihre Komplexität nicht konstruiert, sondern real ist und ausgeblendete Teile sich durch ihre nichterkannte Bedeutung gerächt und zu einer falschen Auffassung des abgespaltenen Teils geführt hätten. Die hier ver­suchte Skizze mag, wenn sie nicht völlig fehlge­gangen ist, den Rahmen bilden für ein auszuführendes Bild, in dem die Wirklichkeit im Spiegel ihrer heutigen Fratze und ihrer besseren Möglichkeit erkannt werden kann.


1. Freuds Kritik der Gesellschaft und der marxistischen Gesellschaftskritik

Freud achtet die Bedeutung der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht gering und übt vereinzelt auch Kritik an ihnen. Er gewinnt dabei keinen revolutio­nären Elan, denn erstens ist ihm der gesellschaft­liche Einfluß einer von mehreren und zweitens sieht er sich außerstande, an eine Verbesserung der Gesellschaft zu glauben. Darum kann er auf der einen Seite individuelles Leid aus gesellschaftlicher Einwirkung erklären und diese kritisieren, auf der anderen Seite aber den Sinn der Psychoanalyse auf bloße Milderung des Leidensdrucks beschränken, anstatt die Beseitigung seiner Ursachen anzustreben. In der 27. Vorlesung zur Einführung in die Psycho­analyse (1916/1917) schreibt er über die Möglich­keiten der psychoanalytischen Therapie, Einfluß zu nehmen. An dritter Stelle der Ursachen psychischer Krankheit, nach "hereditärer Disposition"(a. a. 0., 415) und "frühen Kindererlebnissen"(ebda.) ("wir können sie nicht ungeschehen machen."(ebda.), erscheint

"all das, was wir als die 'reale Versagung' zusammengefaßt haben, als das Unglück des Lebens, aus dem die Entbehrung der Liebe hervorgeht, die Armut, der Familienzwist, das Ungeschick in der Ehewahl, die Ungunst der sozialen Verhältnisse und die Strenge der sittlichen Anforderungen, unter deren Druck eine Person steht." (ebda., 415f)

Weiter unten nimmt er sich extra noch einmal der Sittlichkeit an:

"Wir können es der Gesellschaft glatt vorrechnen, daß das, was sie ihre Sittlichkeit heißt, mehr Opfer kostet, als es wert ist, und daß ihr Ver­fahren weder auf Wahrhaftigkeit beruht noch von Klugheit zeugt."(ebda., 418)

Einen Schritt geht Freud noch weiter, indem er schreibt: "Da wären freilich Handhaben genug für eine sehr wirksame Therapie..."(ebda., 416), aber damit ist der Gipfelpunkt an gesellschaftlicher Kritik auch schon erreicht. Freuds Utopie einer gesellschaftlichen Veränderung ist ein wohltätiger Kaiser, der das Glück erzwingt, dagegen der Psycho­analytiker einfach zu schwach ist:

"Aber wer sind wir, daß wir solches Wohltun als Mittel in unsere Therapie aufnehmen könnten? Selbst arm und gesellschaftlich ohnmächtig, genötigt von unserer ärztlichen Tätigkeit unseren Unterhalt zu bestreiten, sind wir nicht einmal in der Lage, unsere Bemühung auch den Mittellosen zuzuwenden..."(ebda.)

Bei dieser Utopie und dem entsprechenden Gefühl gesellschaftlicher Ohnmacht ist plausibel, wie Freuds Blick auf gesellschaftliche Ursachen stets ein Blick auf die  (Notwendigkeit) wird, und zwar so sehr, daß er schließlich ausnahmsweise lieber die Krank­heit gutheißt, als deren Ursache anzugehen.

''Erstaunen Sie nicht, wenn Sie hören, daß also selbst der Arzt mitunter die Partei der von ihm bekämpften Krankheit nimmt. Es steht ihm ja nicht an, sich gegen alle Situationen des Lebens auf die Rolle des Gesundheitsfanatikers einzuengen, er weiß, daß es nicht nur neurotisches Elend in der Welt gibt, sondern auch reales, unabstell­bares Leiden, daß die Notwendigkeit von einem Menschen auch fordern kann, daß er seine Gesund­heit zum Opfer bringe, und er erfährt, daß durch ein solches Opfer eines einzelnen oft unüberseh­bares Unglück für viele andere hintangehalten wird."(ebda., 371)

Mit solcher Naturalisierung der Gesellschaft geht einher, daß Freud andernorts den Abbruch der Kritik an der Gesellschaft auf die vermeintlich menschliche Natur stützt. In seinem Aufsatz "Zeitgemäßes über Krieg und Tod"(1915b) schreibt er:

"Der einzelne Volksangehörige kann in diesem Kriege mit Schrecken feststellen, was sich ihm gelegentlich schon in Friedenszeiten aufdrängen wollte, daß der Staat dem Einzelnen den Gebrauch des Unrechts untersagt hat, nicht weil er es abschaffen, sondern weil er es monopolisieren will wie Salz und Tabak. Der kriegführende Staat gibt sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen entehren würde... Der Staat fordert das Äußerste an Gehorsam und Aufopferung von seinen Bürgern, entmündigt sie aber dabei durch ein Übermaß von Verheimlichung und einer Zensur..."(a. a. 0., 39).

In diesem niederschmetternden Charakter, den der Staat im Krieg zeigt und im Frieden spüren läßt, ist er jedoch nicht zu revolutionieren. Der marxi­stischen Theorie hält Freud, nachdem er sie keines­wegs verteufelt und sogar die Möglichkeit erwogen hat, die Oktoberrevolution möchte der Menschheit zum Guten anschlagen, am Ende doch die menschliche Natur entgegen:

"Die Stärke des Marxismus liegt offenbar... in dem scharfsinnigen Nachweis des zwingenden Einflusses, den die ökonomischen Verhältnisse der Menschen auf ihre intellektuellen, ethischen und künstlerischen Einstellungen haben. Eine Reihe von Zusammenhängen und Abhängigkeiten wurden damit aufgedeckt, die bis dahin fast völlig verkannt worden waren..."(Freud, 1933a, 604f) "In einer Zeit, da große Nationen verkünden, sie erwarten ihr Heil nur vom Festhalten an der christlichen Frömmigkeit, wirkt die Umwälzung in Rußland ‑ trotz aller unerfreulichen Einzelzüge ‑ doch wie die Botschaft einer besseren Zu­kunft."(ebda., 607)

Allerdings wird selbst bei günstigstem Verlauf "Mit den Schwierigkeiten, welche die Unbändigkeit der menschlichen Natur jeder Art von sozialer Gemeinschaft berei­tet"(ebda., 608) zu ringen sein. Bereits vorher hatte Freud von 'Illusionen des praktischen Marxismus' gesprochen:

"Er hofft, im Laufe weniger Generationen die menschliche Natur so zu verändern, daß sich ein fast reibungsloses Zusammenleben der Menschen... ergibt... Aber solche Umwandlung der menschlichen Natur ist sehr unwahrscheinlich. "(ebda., 606) Zusammenfassend läßt sich damit sagen: Freud weiß, daß die Gesellschaft schädlichen Einfluß auf die Menschen ausübt und daß dieser Einfluß abgestellt werden müßte. Allerdings hält er die Gesellschaft für übermächtig und überdies die menschliche Natur für sehr wahrscheinlich nicht in der Lage, eine bessere Gesellschaft zu konstituieren. Man kann Freud nicht vorwerfen, daß er sich gegenüber menschlichem Leid blind mache, daß er ein stumpfer Reaktionär sei, der gar nicht wolle, daß sich die Menschen nicht mehr immerfort die Schädel einschla­gen. Vielmehr sieht er sich gezwungen, sowohl die Gesellschaft ‑ man möchte meinen, in Abwandlung der Marxschen zweiten Natur ‑ für entscheidend unflexibel zu halten, als auch die menschliche Natur für derartig gegründet, daß sie jedenfalls das Himmelreich auf Erden nicht mitmachte. Er schlägt sich nicht auf die Seite von Unterdrückung und Leid, sondern kapituliert vor deren Macht und macht das Beste draus. Was Freuds Einschätzung der gesell­schaftlichen Natur und der Marxschen Theorie davon betrifft, will ich mich mit dem Hinweis begnügen, daß Freud sich hier selbst für inkompetent hält ("... bedaure ich in diesem Fall am lebhaftesten die Unzulänglichkeit meiner Orientierung..."(ebda., 603)). Was die Einschätzung der menschlichen Natur betrifft, Freuds eigenes Gebiet, wird zu zeigen sein, wie er implizit, methodisch wie in­haltlich, Möglichkeiten schafft, die er dann 'bloß' explizit nicht einlöst.


2. Freuds Materialismus und dessen Abstand zum Positivismus

Freud verfolgt die psychischen Krankheiten nicht radikal bis zu gesellschaftlichen Ursachen. Er hat keine Theorie, die das zuließe und fühlt sich ohnehin ohnmächtig. Wohl verfolgt er die psychischen Krankheiten zu ihren individuellen Ursachen. Da ihm der Gedanke des menschlichen Wesens als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse fremd ist (Siehe ebda.), kommt er naturwissenschaftlich auf chemische Bestimmungen, doch das geht nicht ohne Brüche zu. Zur materiellen Grundlage der Psychoanalyse schreibt Freud:

"Im übrigen aber (außer dem Hinweis auf erogene Zonen und deren Ubiquität, A. H.) ist uns das Wort 'Sexualstoffwechsel' oder 'Chemismus der Sexualität' ein Fach ohne Inhalt; wir wissen nichts darüber... Das Lehrgebäude der Psychoana­lyse, das wir geschaffen haben, ist in Wirklich­keit ein Überbau, der irgend einmal auf sein organisches Fundament aufgesetzt werden soll; aber wir kennen dieses noch nicht."(Freud, 1916/17, 377)

Anders formuliert er diese Voraussetzung, wo er die ‑ utopisch gedachte ‑ Leistung der Psychoanalyse beschreibt, tatsächlich die Ursachen zu behandeln und nicht die Symptome:

"Nehmen Sie nun an, es wäre uns etwa auf che­mischem Wege möglich, ... die Quantität der jeweils vorhandenen Libido zu erhöhen oder herabzusetzen oder den einen Trieb auf Kosten eines anderen zu verstärken, so wäre dies eine im eigentlichen Sinne kausale Therapie, für welche unsere Analyse die unentbehrliche Vorarbeit der Rekognoszierung geleistet hätte. Von solcher Beeinflussung der Libidovorgänge ist derzeit, wie Sie wissen, keine Rede; mit unserer psychischen Therapie greifen wir an einer anderen Stelle des Zusammenhanges an, nicht gerade an den uns ersichtlichen Wurzeln der Phänomene, aber doch weit genug weg von den Symptomen..."(ebda., 419f).

Diese allgemeine Gründung der Psychoanalyse in physiologischen Prozessen zeigt, daß Freuds psycho­analytische Konstruktion eine Arbeitshypothese ist, sozusagen ein Wechsel auf deren noch zu leistende Einlösung als strenge Naturwissenschaft. Ihm fehlen nur die Zwischenglieder in einer Kette, die selbst die abstraktesten, metapsychologischen Annahmen als physische Prozesse ausweisen werden. Allerdings macht Freud Angaben dazu, wie er sich die physische Grundlage der psychischen Prozesse vorstellt, und zwar in Bezug auf relativ schwach psychisch vermit­telte Erscheinungen, nämlich die Aktualneurosen (Neurasthenie, Hypochondrie, Angstneurose (Siehe ebda., 378)). Diese sind aus aktueller Ursache, und ihre Symptome haben keinen psychischen Sinn (Siehe ebda., 375). Sie wirken ohne Umschweife somatisch.

"Sie (die Sexualfunktion, A. H.) beeinflußt das körperliche wie das seelische Leben. Haben wir in den Symptomen der Psychoneurosen die Äußerungen der Störung in ihren psychischen Wirkungen kennengelernt, so werden wir nicht erstaunt sein, in den Aktualneurosen die direkten somatischen Folgen der Sexualstörungen zu finden."(ebda., 376)

Weiter unten kommt Freud darauf, daß Aktualneurosen Symptome entwickeln, die zum Ansatzpunkt von Psy­choneurosen werden (Siehe ebda., 378). Die ursprüng­lichen Symptome aber sind direkte Folgen einer Toxikation (Siehe ebda., 379). Ein hysterischer Kopfschmerz war einmal ein 'realer', nämlich nicht Ersatzbefriedigung, sondern direkter, toxischer Fluchtpunkt von Libido (in falscher Quantität und Qualität). Zwar unterscheidet Freud zwischen Aktual- ­und Psychoneurosen und schreibt, die Aktualneurosen "bieten der Psychoanalyse keine Angriffspunkte, sie kann nur wenig für deren Aufklärung leisten und muß diese Aufgabe der biologisch‑ medizini­schen Forschung überlassen."(ebda., 377) Diese Abgrenzung scheint sich aber, besonders nach dem anfangs Zitierten, auf die aktuell zu leistende Therapie zu beziehen, nicht auf die noch ausstehende umfassende Theorie. Verwirrender im Hinblick auf den naturwissenschaftlichen Impetus Freuds kommt mir eine andere Bemerkung vor, die er en passant macht, aber eine überlegene Geste gegenüber der gängigen Naturwissenschaft darstellt. Freud hatte betont, die Psychoanalyse sei eine Art Überbau (Siehe ebda.), deren organisches Fundament noch fehle. Nun verhöhnt er geradezu die Schulmedizin, wo sie die psychische Erscheinung der Angst in einem bestimmten Nerv ortet:

''Die Medulla oblongata ist ein sehr ernsthaftes und schönes Objekt. Ich erinnere mich ganz genau, wieviel Zeit und Mühe ich vor Jahren ihrem Studium gewidmet habe. Aber heute muß ich sagen, ich weiß nichts, was mir für das psychologische Verständnis der Angst gleichgültiger sein könnte als die Kenntnis des Nervenweges, auf dem ihre Erregungen ablaufen."(ebda., 381)

So gesehen dürfte Freud im Grunde nicht bereit sein, psychische Erscheinungen als immanent physische aufzufassen, deren Wesen in ihrem Chemismus aufgeht. Diese Ungereimtheit läßt sich vielleicht folgender­maßen interpretieren: Die organischen Wege sind Naturbedingungen, die die Grenzen der potentiellen subjektiven Gestaltung abstecken (Der historische Charakter des psychischen Geschehens, von dem unten zu handeln sein wird, legt diesen Gedanken nahe). Zur Analyse der Erscheinungen sind sie völlig gleichgültig. Man lernt nur, daß eine gegebene Er­scheinung durch die Naturbedingungen zugelassen wird. Was Freud naturwissenschaftlich, aber im Gegensatz zu den etablierten Naturwissenschaften interessiert, ist, was Schopenhauer ihnen entgegen­hält, nämlich, welchen Willen die Kräfte, die da wirken, haben und nicht, wie man sie aufteilen und systematisieren kann.

Eine Zwischenbemerkung: Aus der eben beschriebenen Ungereimtheit, die mir hinsichtlich Freuds Stellung zu den Naturwissenschaften zu bestehen scheint, kommt mir der Hinweis auf Schopenhauer naheliegend vor. Doch erfordert es noch eine weitere Begründung, warum ich ihn sozusagen aus dem Hut ziehe, um sein Erkenntnisinteresse Freud in's Nest zu legen (ich bitte um Verzeihung für dieses österliche Bild), vielleicht gar als uneingestandenes Freudsches, zumal diese Wendung mir der Angelpunkt zur Entwick­lung der "besseren Möglichkeit"(Adorno, 1951, 68) der Psychoanalyse zu sein scheint. Bekanntlich hat Freud (Siehe Freud, 1925d, 87; ders., 1917a, 138) Schopenhauer als Wegbereiter der Psychoanalyse anerkannt. Aller­dings nur objektiv:

"Die weitgehenden Übereinstimmungen der Psycho­analyse mit der Philosophie Schopenhauers ‑ er hat nicht nur den Primat der Affektivität und die überragende Rolle der Sexualität vertreten, sondern selbst den Mechanismus der Verdrängung gekannt ‑ lassen sich nicht auf meine Bekannt­schaft mit seiner Lehre zurückführen. Ich habe Schopenhauer sehr spät im Leben gelesen. Nietzsche, den anderen Philosophen, dessen Ahnungen und Einsichten sich oft in der erstaun­lichsten Weise mit den mühsamen Ergebnissen der Psychoanalyse decken, habe ich gerade darum lange gemieden; an der Priorität lag mir ja weniger als an der Erhaltung meiner Unbefangenheit."(Freud, 1925d, 87)

Ganz im Gegensatz zu diesem Selbstzeugnis kommt Bernd Nitzschke in seinem Aufsatz "Freuds Vortrag... Wir und der Tod..."(Zeitschr. "Psyche", 2/91) auf historische Indizien, die Freuds Bekanntschaft mindestens mit Nietzsche, wahrscheinlich auch mit Schopenhauer bereits vor 1900 nahelegen (Siehe a. a. 0., 125). Ich will nicht darüber orakeln, wie dieser erstaunliche Widerspruch bei Freud zustande kommt (Nitzschke vermutet eine Verdrängungsleistung (Siehe ebda.)); inhaltlich jedoch bietet sich ein Ansatz­punkt für die Erklärung von Freuds Reserve gegenüber der bloß positiven Wissenschaft in der Schopenhauer­schen Lehre. Als Beispiel möchte ich eine Erwägung des Philosophen über die Möglichkeit der Erkenntnis von Naturkräften anführen.

"Jede ächte, also wirklich ursprüngliche Natur­kraft aber, wozu auch jede chemische Grund­-Eigenschaft gehört, ist wesentlich qualitas occulta, d. h. keiner physischen Erklärung weiter fähig, sondern nur noch einer metaphysischen, d. h. über die Erscheinung hinausgehenden."(Schopen­hauer, 1847, 61)

Schopenhauer wird hieraus seine Kategorie des Willens entwickeln. Freud gewinnt möglicherweise aus den so aufgewiesenen Grenzen der positiven Wissen­schaft den Mut, seine metapsychologischen Konstruk­tionen zu bilden (Zusätzlich zu seiner oft gegebenen Rechtfertigung des therapeutischen Nutzens). Da er dies nicht bewußt tut, kann er in Widerspruch dazu an der positiven Naturwissenschaft als Grundlage und Ziel seiner 'Metaphysik' festhalten.


Auf andere Weise nun wirken Freuds Vertrauen zur positiven Naturwissenschaft, sein metaphysischer Impuls und konstante Ergebnisse seiner therapeu­tischen Praxis zusammen, um eine weitere Ungereimt­heit in Freuds Denken zu stützen. Hiermit meine ich sein Verhältnis zu historisch‑ materialistischem Denken. Wie zwar die Impulse aus dem Denken Scho­penhauers und Nietzsches bei Freud einen kruden Positivismus verhindern (oder mindestens nicht alleingültig sich konstituieren lassen), so verhin­dern sie, daß die historisch‑ materialistische Seite der Freudschen Theorie zum Durchbruch kommt. Die revolutionäre Sprengkraft, die eine radikaler historische Erklärung des psychischen Geschehens erlangen könnte, erstickt unter anderem am mora­lischen Credo Schopenhauers, der Verneinung des Willens zum Leben, wie auch an dem Nietzsches, dem amor fati; dabei ist jene historische Erklärung doch bei Freud von großem Gewicht (Siehe nächstes Kapi­tel). Am Ende wird alles darauf ankommen zu unter­suchen, welche Erscheinungen Freud zu den Naturbe­dingungen schlägt, nicht aus objektiver Notwen­digkeit, sondern aus Respekt vor den aktuellen Erfordernissen der therapeutischen Praxis, der gesellschaftlichen Macht der positiven Wissenschaft und den moralischen Kapitulationserklärungen Scho­penhauers und Nietzsches.


3. Trauma oder Triebanlage? Der implizit historisch- materialistische Weg Freuds

An einem theoretisch wie therapeutisch kategorialen Hauptstück der Psychoanalyse, der Lehre von der Verursachung der Neurosen, will ich zeigen, wie groß die historisch‑ materialistischen Möglichkeiten Freuds sind und auf welch problematische Weise er derart angelegte oder bereits ausgesprochene Be­hauptungen revidiert und zurücknimmt. Freud:

"Unsere Einsicht in die Verursachung der Neurosen hat sich also vervollständigt. Zuerst als allge­meinste Bedingung die Versagung, dann die Fixie­rung der Libido, welche sie in bestimmte Rich­tungen drängt, und zu dritt die Konfliktneigung aus der Ichentwicklung, die solche Libidoregungen abgelehnt hat."(1916/17, 345)

Zuerst und allgemein ist die Wurzel der neurotischen Erkrankung die Versagung (Siehe ebda., 297, 338). Diese ist als äußere eindeutig gesellschaftlicher Herkunft. Daneben besteht eine innere Versagung, die im engen Sinne den initialen Konflikt zur Neurose darstellt. Diese innere Versagung ist das Verbot der sexuellen Strebung durch das dem Realitätsprinzip verpflichtete Ich (Siehe ebda., 343). Dabei ist die Form des Ichs, von der Quantität und Qualität der Versagung sexueller Ansprüche abhängt, historisch erklärt: Erstens: "Wir denken ja nicht daran, daß sich die libidinösen Interessen einer Person von vornherein im Gegensatz zu ihren Selbsterhaltungs­interessen befinden;..."(ebda., 344). Zweitens wird die Ichentwicklung von Freud durch ein soziolo­gisches Beispiel par excellence illustriert (Siehe ebda., 345f). In enger Fühlung zu Versagung und Ich­Entwicklung ist die Konfliktneigung historisch erklärt: "Auf diesem Wege gelangen wir zur Erkenntnis, daß der dritte Faktor der Neurosenätiologie, die Konfliktneigung, von der Entwicklung des Ichs ebensosehr abhängt wie von der der Libido."(ebda., 345)

Letztere Entwicklung ist zwar ontologisch fixiert, aber als genetischer Niederschlag historischen Geschehens (Siehe ebda., 343, 347). In der Libidoentwicklung erscheint demnach der Fels, an dem das 'Ensemble der gesellschaftlichen Ver­hältnisse' zerschellen soll. Hier zeigt sich in der Triebentwicklung das Schicksal. Freud stellt die Libidoentwicklung folgendermaßen vor: Die Libido­funktion hat das natürliche Ziel, in "den Dienst der Fortpflanzung"(ebda., 333) zu treten. In ihrer Entwicklung dorthin durchläuft sie Stadien, die aber nicht reibungslos durchlaufen werden. Die Bedingung der Möglichkeit dafür ist die allgemeine "Neigung biologischer Vorgänge zu Variation"(ebda.) und führt zu Fixierung (Hemmung) und Regression (Siehe ebda.). Die Gründe für die Möglichkeit der Fixierung, die "Klebrigkeit"(ebda., 341) der Libido, sind völlig unbekannt (Siehe ebda.). Die Libidofixierung ist nichtsdestoweniger neben dem externen Faktor der Versagung der interne, disponierende Faktor (Siehe ebda., 339f). Wie auch die Entwicklung des Ichs zum Realitätsprinzip, ist die Entwicklung der Libido nur an der Oberfläche individuell vollzogen. Im Grunde ist sie gattungsgeschichtlich vererbt (Siehe ebda., 347). Dabei ist das reale Band zwischen Ontogenese und Phylogenese und der Motor des Pro­zesses die Lebensnot, , (siehe ebda.). So entwickelt ist Libidofixierung und Regression unausweichlich, und eine "absonderliche Libidoent­wicklung"(ebda., 340), für die das individuelle 'Schicksal' gleichgültig ist, kann zur unabwendbaren Neurose führen (Siehe ebda). Allgemein ist der Stellenwert von "disponierenden Momenten"(ebda., 341) wohl höher als der von individueller Versagung. Trotz dieses endgültig schicksalhaften Gesichts der Libidoentwicklung, besteht hier bei Freud eine Ungereimtheit. Die eben beschriebene Charakteristik der Libidoentwicklung gipfelt in dem Satz:

"An dem einen Ende der Reihe stehen die extremen Fälle, von denen Sie mit Überzeugung sagen können: Diese Menschen wären infolge ihrer absonderlichen Libidoentwicklung auf jeden Fall erkrankt, was immer sie erlebt hätten, wie sorgfältig sie das Leben auch geschont hätte."(ebda., 341)

Einige Seiten später sieht es schon nicht mehr ganz so trostlos aus; die Fixierungen, an die sich die Libido auf der Suche nach Abfuhr regredierend wendet, sind der Vererbung geschuldet und kindlichen Erlebnissen. "... die analytische Erfahrung nötigt uns gera­dezu anzunehmen, daß rein zufällige Erlebnisse der Kindheit imstande sind, Fixierungen der Libido zu hinterlassen."(ebda., 353) Dabei unterliegt der Faktor der Vererbung "keinem kritischen Bedenken"(ebda.). Daß vererbte Disposi­tionen zu bestimmten Libido­fixier­un­gen existieren, scheint also selbstverständlich. Wiederum ist diese Vererbung eine Tradierung ehemals, von Vorfahren nämlich, gemachter Erlebnisse. Begründung sucht Freud dagegen für die Behauptung frühkindlicher Erlebnisse. Er zeigt die große Verletzbarkeit von Kleinem an einem Experiment, bei dem sich herausge­stellt hatte, daß eine Keimanlage einen Nadelstich viel schädlicher empfinde als das ausgewachsene Tier (Siehe ebda., 352f). Nach alledem scheint Freud in seiner Beurteilung der vererbten Disposition zur Libidofixierung mindestens zu schwanken. Vor der Hand erstaunlich, wie er selbst die Möglichkeit der Kritik an vererbter Disposition dekretistisch ablehnt. Genauer zu betrachten wäre nun der Begriff von Vererbung, den er dabei benutzt. Die Vererbung von Dispositionen zur Libidofixierung ist für Freud ja keineswegs dasselbe, wie die Vererbung je zweier Arme und Beine. Jene ist für ihn die Tradierung phylogenetisch erworbenen Besitzes. "Die konstitu­tionellen Anlagen sind sicherlich auch die Nachwir­kungen der Erlebnisse früherer Vorfahren, auch sie sind einmal erworben worden."(ebda., 353) Diesem Freudschen Begriff von Vererbung will ich das nächste Kapitel widmen. Vorher sei nur kurz erwähnt, wie der gerade darge­stellte Widerspruch im Allgemeinen auch als Ent­wicklung im Freudschen Denken erscheint. Laut Herausgeber der Studienausgabe Freuds hat dieser die These einer rein traumatischen, also von außen zugefügten Verursachung der Neurosen vertreten und dann wieder aufgegeben.

"Der vielleicht wichtigste Wandel in Freuds Auffassungen bis zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Vorlesungen betraf seine Theorie von der rein traumatischen Verursachung der Neurosen. Er gab sie auf und betonte nun die Rolle der ange­borenen Triebkräfte und den großen Einfluß der Phantasien."(ebda., 247, edit. Anm.)

Freud begründet die Unzureichendheit der trauma­tischen Erklärung in einem Fall von Zwangsneurose erstens damit, daß ein auslösendes Ereignis bloß 'gewöhnlich', gleichsam zu normal gewesen wäre, zweitens damit, daß traumatisch unerklärlich sei, daß das Symptom erst nach Jahren auftauchte.

"Aber schon unser zweiter Fall, das an ihren Vater fixierte Mädchen (Fallgeschichte ebda., 264‑269, A. H.) zeigt uns, daß die Formel (von der rein traumatischen Verursachung, A. H.) nicht umfassend genug ist. Einerseits ist eine solche Kleinmädchenverliebtheit in den Vater etwas so Gewöhnliches und so häufig Überwundenes, daß die Bezeichnung 'traumatisch' allen Gehalt verlieren würde, andererseits lehrt uns die Geschichte der Kranken, daß diese erste erotische Fixierung zunächst anscheinend schadlos vorüber­ging und erst mehrere Jahre später in den Sym­ptomen der Zwangsneurose wieder zum Vorschein kam. Wir sehen da also Komplikationen, eine größere Reichhaltigkeit der Erkrankungsbedin­gungen voraus, aber wir ahnen auch, der trauma­tische Gesichtspunkt wird nicht etwa als irrig aufzugeben sein; er wird sich anderswo einfügen und unterordnen müssen."(ebda., 275)

Hierauf wäre erstens zu untersuchen, ob die Gewöhn­lichkeit einer möglicherweise traumatischen Szene verhindern kann, sie als traumatische zu identifi­zieren und ebenso, ob das Auftreten der Neurose Jahre nach der 'Verletzung' nicht durchaus gut in einer dynamisch‑ ökonomischen Triebtheorie Platz findet. Doch dem will ich hier nicht weiter nachge­hen, weil mir der Schlüssel zum Problem der Ontologisierung bei Freud eher bei seinem Begriff von Vererbung zu liegen scheint.


4. Ontogenese und Phylogenese Freuds Begriff von Vererbung

Ende des zweiten Kapitels hatte ich bereits erwähnt, daß für Freud die Vererbung der Triebanlagen durch­aus etwas anderes sei, als die Vererbung je zweier Arme und Beine. Doch das stimmt nicht ganz. Wiederum sind Freuds Bemerkungen widersprüchlich. In "Zeit­gemäßes über Krieg und Tod" schreibt er:

"Die psychologische ‑ im strengen Sinne die psychoanalytische ‑ Untersuchung zeigt..., daß das tiefste Wesen des Menschen in Triebregungen besteht, die elementarer Natur, bei allen Menschen gleichartig sind und auf die Befriedi­gung gewisser ursprünglicher Bedürfnisse zielen. Diese Triebregungen sind an sich weder gut noch böse. Wir klassifizieren sie und ihre Äußerungen in solcher Weise, je nach ihrer Beziehung zu den Bedürfnissen und Anforderungen der menschlichen Gemeinschaft. Zuzugeben ist, daß alle die Re­gungen, welche von der Gesellschaft als böse verpönt werden ‑ nehmen wir als Vertretung derselben die eigensüchtigen und grausamen ‑ sich unter diesen primitiven befinden."(1915b, 41)

Hier wäre nichts mehr zu rütteln, jede Hoffnung auf eine befreite, friedvolle Gesellschaft purer Volun­tarismus. Auf der anderen Seite jedoch transportiert Freud einen Begriff von Vererbung, der das letzte Wort nicht spricht. Seine Darstellung und Interpre­tation entnehme ich dem Aufsatz "Freud: Die Natür­lichkeit des Menschen und die Sozialität der Natur" von Alfred Lorenzer (Lorenzer, 1988):

"Doch so radikal 'biologistisch' war der Freudsche 'Biologismus' nie. Freud kehrte immer wieder zum Gedanken einer sozialen Beeinflussung der biologischen Grundstruktur zurück. freilich in eigentümlich mystifizierenden Bildern: als Spur urzeitlicher Hordenkämpfe, urzeitlicher Lebenserfahrungen (wie der Eiszeit) im Unbewußten (vgl. dazu insbes. Freud, 1912‑13, 1921(1921c, A. H.), 1939 (1939a, A. H.); Grubrich‑Simitis, 1985)... wenn wir die Entwicklung der Freudschen Auffassung zurückverfolgen, so stoßen wir früher schon auf Aussagen, die sich mit einer naturhaft angelegten, bei allen Menschen in gleicher Weise festgelegten, transkulturellen Triebnatur nur schwer vereinbaren lassen. So äußert er sich in einer Fußnote zur 'Traumdeutung' über die unbe­wußten Wünsche schon folgendermaßen: 'Sie teilen diesen Charakter der Unzerstörbarkeit mit allen anderen wirklich unbewußten, (... ) seelischen Akten. Diese sind ein für alle­mal gebahnte Wege, die nie veröden und den Erregungsvorgang immer wieder zur Abfuhr leiten'(19OO, S.558 (StA, Bd.II., 527f, A. H.)) 'Bahnung', 'Erregungsvor­gang', 'gebahnte Erregung' sind keine beliebigen Begriffe bei Freud. Sie stammen aus der ältesten Schicht seines wissenschaftlichen Denkens, aus der Physiologie, und meinen buchstäblich 'Bahnungen im Nervensystem', die Einzeichnung von 'Erinnerungsspuren'. Unter dem von Freud immer wieder benutzten Stichwort 'Erinnerungsspur' verweisen diese Bahnungen ebenso klar auf Kör­perspuren wie auf ein Realgeschehen, das sich ins Gedächtnis eingegraben hat. Erinnerungsspur meint einen leiblichen und einen sozialen Vorgang. Doch weshalb hat Freud seine Vorstellungen vom sozialen Einfluß auf die unbewußte Lebenspraxis des Menschen (des Kindes) in mythologische Gewänder gehüllt ‑ in Aussagen, die ‑ wie Freud selbst durchaus wußte ‑ wissenschaftlich unhaltbar sind (ist doch die Annahme einer Veränderung der Erbanlage in der Generationen­folge längst aufgegeben). Nun, er erkannte im Unbewußten fundamentale Körperimpulse, die als Resultate eines Austauschprozesses zwischen Organismus und Umwelt zugleich soziale Gebilde sind. Es sind Lebensentwürfe, die in der Tiefe der Körperlichkeit als Spur eingezeichnet wurden, als Körperbedürfnis, als erlebnisbestimmende Körperform, als verhaltensbestimmendes Sinnsystem. Die Verschiebung der Sozialisation von der Ontogenese in die Phylogenese, aus der individuellen Lebensgeschichte in die Gattungs­geschichte sollte verdeutlichen, daß schon die basalen Lebensimpulse aus der Einheit von Natur und sozialer Erfahrung stammen und vor aller individuellen Erlebnisfähigkeit die Erlebnis­struktur szenisch einsomatisieren."(a. a. 0., 435f)

Freud hat eine ganz offensichtliche Scheu, ganz historisch‑ materialistisch zu werden. Er schleift die Vererbung geradezu mit und unterminiert sie zusätzlich, indem er das nicht erlebte, sondern genetisch mitgebrachte Moment stetig als urzeitlich Erlebtes darstellt. Damit unterminiert er die Vererbung deshalb, weil die Vorstellung des ehemals Geschehenen und hinfort genetisch weiter Tradierten sich der Posse nähert und umgekehrt diese Sagen von ehedem leicht metaphorisch aufgefaßt werden können, übersetzt eben frühe, 'archaische', naive, infantile Erlebnisse schildern, die nicht aus den Genen kriechen. Bei Gelegenheit der typischen Symptome der Neurosen hatte er auf der historischen Erklärung aus Erlebnissen bestanden.(Freud, 1916/17, 271) Weiter unten, bei Erklärung des Ursprungs der Realangst aus dem Geburtsakt, stellt er diesen überzeugend als Ursache der Angst dar, um dann unvermittelt fortzu­fahren:

"Natürlich sind wir der Überzeugung, die Dispo­sition zur Wiederholung des ersten Angstzustandes sei durch die Reihe unzählbarer Generationen dem Organismus so gründlich einverleibt, daß ein einzelnes Individuum dem Angstaffekt nicht entgehen kann, auch, wenn es wie der sagenhafte Macduff 'aus seiner Mutter Leib geschnitten wurde', den Geburtsakt selbst also nicht erfahren hat."(ebda., 383f)

Das klingt schon wie die Worte des Narren, der Tabus (etwa die Einsicht, daß Affekte nicht vererbt werden) zu meiden hat, sie aber durch die Blume durchaus ansprechen darf (indem die Affekte plausi­bel historisch hergeleitet werden und das Erbe als historisch aufgeladen zu begreifen ist: "Man darf endlich annehmen, daß aller innere Zwang, der sich in der Entwicklung des Menschen geltend macht, ursprünglich, d. h. in der Menschheitsgeschichte nur äußerer Zwang war"(19l5b,42)). Allzu ostentativ, als schaute der König bedrohlich, betont Freud auch die kindliche Disposition zur Angst, deren historische Entstehung er kurz vorher (Siehe 1916/17, 392f) bereits befriedigend erklärt hatte:

"sie merken, daß hier auch das konstitutionelle Moment zu seinem Recht kommt, dem wir seine Rechte ja nie bestreiten wollen. Wir verwahren uns nur dagegen, wenn jemand über diesem Anspruch alle anderen vernachlässigt und das konstitutio­nelle Moment auch dort einführt, wo es nach den vereinten Ergebnissen von Beobachtung und Analyse nicht hingehört oder an die letzte Stelle zu treten hat."(ebda., 394)

Es möchte scheinen, als wollte Freud unter dem Eindruck seiner physiologischen Arbeit der Psycho­analyse den verankerten traditionellen Wissen­schaftsbegriff angedeihen lassen.


5. Adornos Verteidigung Freuds gegen Revisionisten

Adorno klagt gegen Freud das menschliche Wesen als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse ein (und geht über diesen Begriff hinaus, doch das gehört nicht hierher). Mit dem daraus erwachsenden Anspruch, das psychische Geschehen wesentlich aus den Verhältnissen in der Gesellschaft zu erklären, ist nicht gemeint, daß auf der einen Seite der Mensch stehe, auf der anderen die Gesellschaft und also jener sich der Einflüsse dieser zu erwehren habe. In diesem Sinne kritisiert Adorno in seinem Aufsatz "Die revidierte Psychoanalyse"(Adorno, 1952) diejenigen, die in solcher Weise die Gesellschaft zur Erklärung der Psyche hinzunehmen wollen. Dabei pocht er geradezu auf die pessimistischen, das Leid ontologisierenden Behauptungen Freuds.

"In der bestehenden Verfassung des Daseins gehen die Beziehungen zwischen den Menschen weder aus ihrem freien Willen noch aus ihren Trieben hervor, sondern aus sozialen und ökonomischen Gesetzen, die sich über ihren Köpfen durchsetzen. Wenn in ihr die Psychologie sich menschlich oder gesellschaftsfähig macht, indem sie so tut, als wäre die Gesellschaft die der Menschen und von ihrem innersten Selbst bestimmt, so leiht sie einer inhumanen Realität den Glanz des Humanen. Jene finsteren Denker, die sich auf die Schlech­tigkeit und Unverbesserlichkeit der Menschennatur versteifen und pessimistisch die Notwendigkeit der Autorität verkünden ‑ Freud steht darin neben Hobbes, Mandeville und Sade ‑ , lassen sich nicht als Reaktionäre bequem abfertigen. Ihrer eigenen Schicht waren sie nie willkommen. Daß man von der lichten und nicht von der finsteren Seite von Individuum und Gesellschaft reden solle, ist genau die offiziell genehme und respektable Ideologie. Ihr verfallen die Neofreudianer, die über den Reaktionär indigniert sind, während sein unversöhnlicher Pessimismus die Wahrheit bezeugt über die Verhältnisse, von denen er nicht spricht."(a. a. 0.,36)

Wenn Freud am Ende die gesellschaftlichen Mächte als gegeben hinnimmt, so klagt er sie doch implizit an, indem er alles innere Leid auf, geschichtlich vermittelt, äußeren Zwang zurückführt. Indem er solchen Zwang vererben läßt, erkennt er dessen Brutalität an und seinen Ort mitten im Subjekt, anstatt, als theoretische Voraussetzung des sozial­demokratischen Sozialarbeitertums, Milieueinflüsse auf ein unschuldiges, unversehrtes bürgerliches Subjekt einwirken zu lassen.

"Was Freud eigentlich dazu veranlaßt, einzelnen Vorgängen in der Kindheit besonderes Gewicht beizumessen, ist, obzwar unausdrücklich, der Begriff der Beschädigung... man könnte ihn (den Charakter, A. H.) beinahe ein System von Narben nennen, die nur unter Leiden, und nie ganz, integriert werden. Die Zufügung dieser Narben ist eigentlich die Form, in der die Gesellschaft sich im Individuum durchsetzt... Mehr als ihr (der Revisionisten, A. H.) behender Seitenblick auf soziale Umstände hat Freud vom Wesen der Verge­sellschaftung gewahrt, indem er gerade bei der atomistischen Existenz des Individuums beharr­lich verweilte."(ebda., 24)

In den Herleitungen Freuds der Unaufhebbarkeit menschlichen Leids hatte sich ergeben, daß sie sämtlich historisch‑ materialistisch interpretierbar sind (Siehe Kapitel 3 und 4 dieser Arbeit). Es hatte sich die Möglichkeit angedeutet, den Schritt Freuds von der Wirklichkeit zur zeitlosen Notwendigkeit dieses Leids als der Theorie äußerlich aufzufassen. Unbeschadet solcher Kritik hat die Freudsche Fest­legung auf die Unveräußerlichkeit des leidfördernden Teils der 'Triebanlage' laut Adorno den guten Sinn, die Schädigungen durch die Gesellschaft eben nicht zu verharmlosen und sie deshalb in Weiterführung der von Freud fälschlich abgebrochenen Analyse erst erkennen zu können. So wird gerade der unversöhn­liche Pessimismus Freuds zum Wendepunkt, von dem aus Hoffnung, die nicht aus verdrängter Kapitulation vor dem Bestehenden pur voluntaristisch den eigenen Zopf ergreift, erst sich entfalten kann.

"Man hat einmal der Großherzigkeit Groddecks und der mitfühlenden Zartheit Ferenczis Freuds Kälte und Distanziertheit kontrastiert. Kein avan­cierter Denker entgeht diesem Vorwurf. Weil er die Utopie und ihre Verwirklichung bitter ernst nimmt, ist er kein Utopist, sondern fast die Realität ins Auge, wie sie ist, um sich nicht von ihr verdummen zu lassen. Er will die Elemente des Besseren, die in ihr beschlossen sind, aus ihrer Gefangenschaft befreien. Er macht sich so hart wie die versteinerten Verhältnisse, um sie zu brechen. Die Möglichkeit einer Wendung wird nicht befördert durch die Lüge, daß wir doch alle Brüder sind, sondern einzig indem die bestehenden Antagonismen ausgetragen werden. Freuds Kälte, die jede fingierte Unmittelbarkeit zwischen Arzt und Patient von sich weist und das beruflich vermittelte Wesen der Therapie offen bekennt, tut der Idee von Menschlichkeit, indem sie deren Schein unerbittlich ausschließt, mehr Ehre an als tröstlicher Zuspruch und Wärme auf Kommando... Es bleibt die Frage, ob nicht Liebe, die den Zirkel der herrschenden Tauschverhältnisse transzen­diert, notwendig jenen Zusatz von Hoffnungslo­sigkeit enthält, den die Revisionisten austreiben wollen. Vielleicht ist Freuds Menschenfeindlich­keit nichts anderes als solche hoffnungslose Liebe und der einzige Ausdruck von Hoffnung, der noch bleibt."(ebda., 37f)

Gibt man nun diese Interpretation Adornos zu, die Freud freilich nicht unterschrieben hätte, so wird bei der weitreichenden Einigkeit, in der sich Adorno mit Freud sieht, die Frage umso dringlicher, warum Adorno die Kritik an Freud mit solcher Schärfe führt, wie er es mindestens in der "Minima Moralia" tut (Siehe bes. Adorno, 1951, 66f).


6. Die Hauptrichtung der Kritik Adornos

Adornos Kritik an Freud hat ihren Ursprung nicht, wie im letzten Kapitel gezeigt, in einer unvoll­ständigen Anerkenntnis des unveräußerlichen Trieb­grundes, die diesen zwar zunächst aufgriffe, ihn dann jedoch rationalistisch denunzierte, im falschen Rekurs auf das klassische autonome Subjekt der Aufklärung, das Herr seiner Triebe sein sollte. (Dies unterstellt etwa Sigrun Anselm, 1985, bes. 42, 44) Vielmehr sieht er in jener Anerkenntnis, ebenso wie sie, die entscheidende Leistung der Psychoanalyse. Dagegen richtet sich Adorno gegen den Triebgrund als ultima ratio der Aufklärung, soweit deren Form eine wie immer reduzierte Anerkennung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse konsti­tuiert. Wo immer der Triebgrund in seinem Moment als unveräußerliches Urgestein subjektiv mit Aggression und Schuld, objektiv mit Lebensnot,  inhalt­lich gefüllt wird, sieht Adorno die Kapitulation vor der bis in sublimste Bereiche des Individuums reichenden Macht der bestimmten Gesellschaftsform, in die hinein das Individuum sich von der Ver­schmelzung der beiden Eizellen an entwickelt hat. Nochmals: Er verteidigt damit nicht das klassisch aufklärerische autonome Subjekt, womit er gerade hinter die Einsicht der Psychoanalyse zurückfallen würde; der Vorwurf des 'Rationalismus'(Anselm, 1985, 42) geht fehl. Vielmehr kann er negativ, erstens durch die Analyse der auch Freud eigentümlichen Denkform, zweitens durch den Aufweis bestimmter Elemente des komplexen und inzwischen allumfassenden schädigenden Einflusses der Gesellschaft, die historisch‑ gesellschaftliche Genese der Elemente des Triebgrundes, die Freud in seiner inhaltlichen Bestimmung des unveräußerlichen 'Urgesteins' ontologisiert, aufweisen. Implizit von dieser These ausgehend, fordert er, nicht bei der durch die Freudsche Theorie möglichen Kritik des Bestehenden halt zu machen, sondern gleichsam durch den Trieb­grund hindurch über ihn hinausweisend die Möglich­keit der befreiten Gesellschaft zu denken. Dieser theoretische Fluchtpunkt ist ihm aus zweierlei Gründen eine conditio sine qua non des wahrhaft aufklärerischen Denkens. Erstens, weil nur solche Radikalität der Kritik es erlaubt, den Kern der gesellschaftlichen Macht zu begreifen und ihr so theoretisch die Stirn zu bieten. Zweitens, weil eine wie immer verkürzte Kritik nicht einfach ungenügend ist im Sinne eines Weges, der noch nicht ganz zu Ende gegangen ist; solche Kritik macht vielmehr Halt vor den zugrunde liegenden gesellschaftlichen Mächten, erkennt sie so als 'gegeben' an und trans­portiert damit auf vielleicht kaum merkliche Weise affirmativ die Wurzel des Verhängnisses, das zwar mit Freud an dessen Oberfläche geortet werden kann, aber letztlich im Schicksal der Triebanlage seine grundlegende Bestätigung erfährt. Die Triebanlage (im späteren Vokabular: das Es), ersteinmal als natürlich anerkannt, gewinnt eine eigene Schwerkraft auch innerhalb der aufklärerisch gemeinten theore­tischen Arbeit, die den Boden bereitet für die, wie immer widerwillig, sich durchsetzende Anerkennung des gesellschaftlichen Ganzen. Sie folgt als dingfeste Kategorie dem Schema der traditionellen Theorie (Ich benutze diesen Begriff im Sinne Horkheimers (siehe ders.: "Traditionelle und kri­tische Theorie", Horkheimer, 1937)), deren Form den gesellschaftsaffirmativen Impuls dem Inhalt auf­drängt. Inhaltlich: Das Unbewußte, als gesell­schaftlich konstituiert, läßt die Möglichkeit seiner Gesundung durch gesellschaftliche Veränderung zu. Das Unbewußte mit einem Anteil von Es baut mit diesem Moment eine Mauer gegen solche Utopie. Am Ende finden die Treue der heute herrschenden Psy­choanalyse zur bürgerlichen Ge­sell­schaft, genau wie schon die entsprechenden Äußerungen Freuds, ihren Grund in diesem Moment der authentischen Theorie und sind ihr nicht äußerlich. Adorno will die Psy­cho­­analyse mittels ihrer eigenen, besseren Möglich­keiten radikalisieren, nicht sie rationalistisch dem eitlen, klassisch rationalistischen Subjekt anbe­quemen, indem er ihm den peinlichen Triebgrund auflöste und also ersparte. Kurz gesagt: Im Gedächtnis zu behalten ist im Folgenden, wie unverbrüchlich einig Adorno mit der Freudschen Psychoanalyse ist, soweit sie ein Mittel zur Einsicht darstellt, daß das freie autonome Subjekt ein Trug in der Wirklichkeit sei, zu zeigen ist, wie unversöhnlich er ihr gegenübersteht, wo sie mit der Wirklichkeit auch die Möglichkeit der Freiheit kassiert. Mit solcher Kassation ist eben nicht nur die meinetwegen 'weltfremde' Hoffnung abgeschnitten, sondern sind die Triebfedern der gesellschaftlichen Mächte goutiert, die die Mög­lichkeit von der Wirklichkeit praktisch abschneiden und damit jene selbst entsubstanzialisieren. Ist ersteinmal solch ein 'Minimalkonsens' geschlossen, kann Gesellschaftskritik nicht mehr aus der gesellschaftsaffirmierenden 'Opposition' heraus und stützt, wogegen sie sich richten soll. Das ist der Skandal, aus dem Adorno den sachlichen Zwang zur harschen Kritik an der Psychoanalyse nimmt.


7. Die Psychoanalyse als traditionelle Theorie

Abstrakt ist die Ratio das Ergebnis der Irrationa­lität, der Triebansprüche. Die Ratio bahnt den Weg zur Befriedigung der Bedürfnisse, indem sie die Widerstände von Natur und Gesellschaft erkennt und nach deren Maß kalkulierend, sowie sie durch Arbeit verringernd, die Befriedigung durchsetzt. Psycholo­gisch: Das Ich prüft die Realität und setzt nach solcher Prüfung die irrationalen Ansprüche durch.

Konkret: Angesichts der konkreten Möglichkeit von Utopie, der gesellschaftlichen Organisation zum Zwecke der Befriedigung der Triebansprüche, ist die Gesellschaft irrational. Sie ist in ihrer Entwick­lung nicht geleitet durch bewußte Organisierung der besten Möglichkeiten als Bedingungen der Befriedi­gung von Bedürfnissen, sondern

''die spezifisch gesellschaftlichen Phänomene haben sich durch die Einschaltung abstrakter Bestimmungen zwischen Personen, zumal des Äquivalententauschs, und durch die Herrschaft eines nach dem Modell solcher von den Menschen abgelöster Bestimmungen gebildeten Organs, der ratio, von der Psychologie emanzipiert"(Adorno, 1955, 50),

also den 'eigentlichen', psychologisch zu ortenden, organischen Zusammenhang von Trieb­ansprüchen und der rationalen, gesellschaftlichen Organisierung ihrer Befriedigung aufgehoben.

Derart irrational organisiert, stellen die konkreten gesellschaftlichen Forderungen an die Individuen, nämlich Triebverzicht angesichts gesellschaftlicher Schranken der Befriedigung, nicht einsichtige, nach dem Maß subjektiver Rationalität (Vermittlung von Triebanspruch und objektiver Grenze ()) evidente Schranken dar, sondern irrational zugemu­tete Opfer, deren Macht einzig in ihrer blanken Gewalt liegt. Daher ist ihr psychologischer Ort das Unbewußte, und der psychologische Umgang mit ihnen geschieht in den Grenzen neurotischer Mechanismen. ‑ Psychologischer Ausdruck der gesellschaftlichen Irrationalität ist die Unmöglichkeit, glücklich zu werden selbst in nach dem Maß der gesellschaftlichen Forderungen optimaler Anpassung seiner Triebansprüche an jene. Die abstrakte Eigendynamik der gesellschaftlichen Form ist qualitativ unver­einbar mit wie immer konkretisierten Triebansprü­chen.

"Die subjektive ratio und ihre raison d'etre treten auseinander. Selbst der, dem die kalku­lierende Vernunft alle Vorteile abwirft, vermag die Vorteile nicht als Glück zu genießen, sondern muß als Konsument nochmals dem gesellschaftlich Vorgezeichneten, dem Angebot derer sich fügen, welche die Produktion kontrollieren."(ebda., 56)

Hier nun scheint die Lösung einfach und beginnt in Wahrheit erst der Skandal ( hier: das Ärger­nis als Falle). Emphatische Aufklärung sollte dem eben beschriebenen falschen Zustand die Lüge seiner notwendigen Existenz entreißen, darauf das Schreib­zeug hingeworfen und mit Marx ausgerufen werden: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verän­dern."(Marx, 1845, 7) Dies Vorhaben jedoch zeitigt keinen Erfolg, die 68'er holten sich an den Fabrik­toren blutige Nasen. Die Menschen nämlich stehen der Gesellschaft, unter deren Knute sie leiden, nicht gegenüber, sondern sie sind sie selbst; und dies nicht bloß äußerlich, indem sie sie konstituieren, sondern ihr ganz individuelles, ureigenstes Wesen ist gesellschaftlich. "In seiner Wirklichkeit ist es (das menschliche Wesen, A. H.) das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse."(ebda., 6) Es ist es sosehr, daß selbst das Mittel des Individuums, gegen die gesellschaftlichen Zwänge aufzubegehren, durch­drungen ist von diesen Zwängen. Die Rationalität, das Mittel der Aufklärung, der Inbegriff der gei­stigen Vorbereitung zur praktischen Aufhebung des unnötigen Zwangs, ist selbst genuin herrschaftlich, zwanghaft. Entstanden zur Beherrschung der Natur, entwickelt zur Beherrschung auch der Menschen, ist ihre befreiende von der unterjochenden Seite nicht zu trennen, und die Entbindung ihrer befreienden Kraft höbe sie selbst auf.

"Wie das immanent unvernünftig ist, was die Vernunft des Systems von seinen Angehörigen verlangt, insofern als die Totalität der wirt­schaftlich zweckmäßigen Handlungen aller samt der Reproduktion des Ganzen den Zusammenbruch befördert, so trans­zendierte umgekehrt das absolute  von Rationalität, die Erfüllung, die Rationalität selber. Rationalität ist immer ein Maß an ver­geblichem Opfer und damit ebenso irrational wie ein opferloser Zustand es wäre, der keiner ratio mehr bedürfte."(Adorno, 1955, 48)

Doch damit nicht genug; am Ende ist der Anfang selbst und nicht nur sein Mittel zur Befreiung, die Ratio, ambivalent: das Individuum. Nicht nur ist sein Mittel, dem triebhaft irrationalen Anspruch auf Glück zum Erfolg zu verhelfen, auch untauglich; zudem äußert sich dieser Anspruch selbst als Ensem­ble gesellschaftlicher Verhältnisse und trägt mit den Qualitäten, die mit Fug als individuelle Inter­essen bezeichnet werden können, gleichzeitig Quali­täten, die man als Ausdruck jener oben genannten abstrakten Bestimmungen zu erkennen kaum Schwierig­keiten haben wird.

"Seine (des Individuums, A. H.) 'Psychologie' als Zone der Irrationalität weist nicht weniger als die ratio auf soziale Momente zurück. Die spezi­fischen Differenzen der einzelnen sind ebenso Male des gesellschaftlichen Drucks wie Chiffren menschlicher Freiheit... Die Divergenz von Individuum und Gesellschaft ist wesentlich gesellschaftlichen Ursprungs, wird gesellschaft­lich perpetuiert, und ihre Äußerungen sind vorab gesellschaftlich zu erklären."(ebda., 50)

Wie sehr das Individuum als Individuum Produkt gesellschaftlicher 'abstrakter' Nötigung und wie wenig selbstverständliches Substrat unveräußerlicher natürlicher Triebstrukturen ist, zeigt die mit der realen Aufhebung des Subjekts einhergehende Verän­derung dieser Triebstrukturen, deren Wurzeln frei­lich schon in der das Individuum fordernden Gesell­schaftsform aufzufinden sind.

"Die Kommensurabilität individueller Verhaltens­weisen, die reale Vergesellschaftung, beruht darauf, daß sie als Wirtschaftssubjekte überhaupt nicht unmittelbar sich gegenüberstehen, sondern nach dem Maß des Tauschwerts agieren."(ebda., 51)

Mit dem Triumph dieses abstrakten Prinzips vergeht die Notwendigkeit, dem Individuum ein Eden der angeborenen Menschenrechte zu bieten, wenn dieses auch immer schon Pappmaché war; es vergeht die Möglichkeit, ödipal, allgemein: neurotisch zu reagieren, da solche genuin individuellen Konflikte ihres Schauplatzes, des Individuums selbst, beraubt sind.

"Die gesellschaftliche Macht bedarf kaum mehr der vermittelnden Agenturen von Ich und Individuali­tät... Zeitgemäß sind jene Typen, die weder ein Ich haben noch eigentlich unbewußt handeln, sondern reflexartig den objektiven Zug wider­spiegeln. Gemeinsam üben sie ein sinnloses Ritual, folgen dem zwangshaften Rhythmus der Wiederholung, verarmen affektiv: mit der Zerstö­rung des Ichs steigen der Narzismus oder dessen kollektivistische Derivate. Der Differenzierung gebietet die Brutalität des Außen, die gleichma­chende totale Gesellschaft, Einhalt, und sie nutzt den primitiven Kern des Unbewußten aus. Beide stimmen mit der Vernichtung der vermit­telnden Instanz sich aufeinander ab; die trium­phalen archaischen Regungen, der Sieg des Es über das Ich, harmonisieren mit dem Triumph der Gesellschaft über den Einzelnen."(ebda., 83)

Das Individuum selbst, zu schweigen vom Subjekt, ist gesellschaftliches Produkt. Es darf nicht naiv voraus‑ und der Gesellschaft entgegengesetzt werden. Erscheinen aus dem Es subjektive, etwa aggressive, selbsterhaltende Impulse, so sind diese selbst schon vermittelt, etwa durch die gesellschaftliche Nötigung, sich als atomisiertes Einzelwesen 'durch­schlagen' zu müssen. Allein, im Bereich der Psyche vollzieht sich nicht dieser rationale Zusammenhang: Der Ort der Psychologie ist der der Irrationalität. Gesellschaftlich konstituiert, gewinnt er eigene Dynamik. So steht das Ich in grundlegendem Wider­spruch zur Gesellschaft.

"Gewiß ist selbst die vollendet narzistische Verhaltensweise des Psychotikers nicht ohne ihren gesellschaftlichen Aspekt... Aber wenn die Abdichtung der psychologischen Sphäre bei autistischen Menschen selbst gesellschaftlichen Ursprungs ist, so setzt sie doch, einmal konsti­tuiert, eine in sich relativ einstimmige und ge­schlossene psychologische Motivationsstruk­tur."(ebda., 53)

Insofern hat Hartmann nach Adorno recht, wenn er eine ''psychologische Sphäre sui generis"(ebda., 52) festhält. In der Distinktion von Ich und Es ist auf Seiten des Es die irrationale, psychologische Motivationsform in ihrer Selbständigkeit zurecht befestigt, wenn auch, im Gegensatz zur Freudschen Bestimmung, das qualitativ aufgeladene, inhaltlich bestimmte Es für Adorno den Abbruch der gesell­schaftlichen Analyse bedeutet und für diesen die plausible Bedeutung des Es eher in einer Art Eshaftigkeit des Ichs, auf dessen psychologischer Seite nämlich, liegt. Diese klagt Adorno gegen Revisionisten der Psychoanalyse (Horney u. a.) ein, wenn er schreibt:

"Die strenge Psychoanalyse, die vom Gegeneinander der psychischen Kräfte weiß, kann eher die Objektivität zumal der ökonomischen Bewegungsge­setze gegenüber den subjektiven Triebregungen geltend machen als die Lehren, die, um nur ja ein Kontinuum zwischen Gesellschaft und Psyche herzustellen, den Kern der analytischen Theorie, den Widerstreit von Ich und Es verleugnen."(ebda., 52)

Das Es, wie es Freud bestimmt, ist für Adorno schlecht idealistisch. Freud: "sein Inhalt ist alles, was ererbt, bei Geburt mitgebracht, konsti­tutionell festgelegt ist..."(Freud, 1940a, 9) Retten will Adorno den psychologischen Charakter des Es, seine nicht in seiner gesellschaftlichen Erklärung aufgehende, irrationale, genuin psychologische Macht. Der ''Begriff des Psychologischen... hat einzig am Gegensatz der Irrationalität zum Ratio­nalen als einem Außerpsychologischen seine Sub­stanz."(Adorno, 1955, 53) In diesem Charakter, der dem Es bei Freud eignet, gewinnt das Unbewußte die Qualität, die hindert, es zu interpretieren als das bloße, selbst rationale Abbild der Gesellschaft im Individuum, mit welcher Interpretation die Revisionisten zur Tautologie von individueller und gesellschaftlicher Bestimmung gelangen und zum bequemen therapeutischen Schluß, angesichts patho­logischer Erscheinungen könne anstatt der wider­ständigen Gesellschaft gleich ihr psychologisches Legoland, das Individuum, zur Gesundung geändert werden. Entscheidend besser ist Freud hierin, wenn er das Es bestimmt in Bildern archaischer Mythen, deren Rationalität in ihrer Vergeblichkeit, ihrem Schicksal, wesentlich irrationale Züge tragen, die als historische Tatsachen erscheinen, aber unan­greifbar in der Vergangenheit liegen. Hätte Freud aus historischer Wirklichkeit nicht Notwendigkeit gemacht (laut Adorno war es "die Intention, seine Funde ins Totale zu treiben", die "das Moment der Unwahrheit an der Psychoanalyse zeitigte"(ebda., 51)),hätte Adorno wohl kaum noch einen bei näherer Betrachtung ohnehin verschwimmenden Grund zu seinen scharfen Ausfällen gegen die Psychoanalyse aus der "Minima Moralia" gefunden.

Zwischendurch: Mir scheint, als suche Adorno aus den beiden Topiken Freuds für Es und Unbewußtes eine Art Mittelbegriff, indem das Unbewußte seine Konstitu­ierung aus gesellschaftlichem Angriff leichter zuläßt, das Es der revisionistischen Marginali­sierung der gesellschaftlichen Macht besser stand­hält und deren Metamorphose in Irrationalität eher erlaubt. In Beachtung dieser Adornoschen Pointierung des theoretischen Sinns beider Kategorien wird, meine ich, sein Gebrauch von Es und Unbewußtem plausibel, der vor der Hand verwirrt und kenntnisarm erscheinen mag.

Der Witz nun des Begriffs Adornos vom Psycholo­gischen ist in Bezug auf das Ich nicht nur, daß dessen Rationalisierung durch die Revisionisten untauglich ist und nach Maßgabe des Marxschen "Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken"(Marx/Engels, 1845/46, 46) nicht zufällig in Affirmation des Bestehenden mündet, sondern daß das Ich in der Irrationalität seiner psychischen Konstitution in grundlegendem Widerspruch zur Gesellschaft als Verkörperung der Ratio gerät, dem vollständigen Triumph der Gesellschaft entgegensteht und deshalb von ihr bekämpft wird.

"Das seiner mächtige Ich... wird in der einsich­tigen Beziehung auf die Realität motiviert; seine Psychologie erscheint meist einzig noch als Störung und wird durch die drastische Vormacht der ratio, in der sich objektiv gesellschaftliche Interessenlagen verkörpern, immer wieder abge­wehrt."(Adorno, 1955, 53)

Die Irrationalität des Ichs ist kein Residuum gegenüber der Gesellschaft. Ihr Rest strebt schon zur gesellschaftlichen Irrationalität. Die irratio­nale, psychologische Seite des Ichs bedeutet der Einverleibung in den Herrschaftsapparat der gesell­schaftlichen Ratio eine widerständige Antiquität. Doch ist diese Ratio irrational in Bezug auf ihre humane Seite, die in ihrer Geburt als Mittel zur Befreiung vom Naturzwang gleichfalls entbunden ward. Diese Irrationalität der Gesellschaft bildet den psychologischen Rest, der übrigbleibt, sobald der widerständige Teil des Ichs, dessen Motivierung aus "einsichtiger Beziehung auf die Realität"(ebda., 53) gewonnen war, ausgetrieben worden ist. So ist der Umstand, daß eine psychologische Sphäre sich überhaupt noch erhält, keineswegs die Gewähr für die Möglichkeit des Widerstands.

"Der Rest der Psychologie aber, der Mensch, auf den es ankommt, verzieht sich an die Spitze der totalitären Hierarchien, wohin leicht Narren oder seelisch Verkrüppelte gelangen, weil ihr Defekt, eben das eigentlich Psychologische, genau harmo­niert mit der Irrationalität der Zwecke, der obersten Entscheidungen, für die dann alle Rationalität ihrer nur noch durch leere Deklama­tion unterschiedenen Systeme als Mittel aufgebo­ten wird. Auch diese letzte Reservatsphäre des Unerfaßten... ist bloße Maske des gesellschaft­lichen Wahnsinns. Nicht nur schrumpft das psy­chologische Bereich um so mehr ein, je mehr es in der Ideologie an Stelle der Einsicht in die Objektivität tritt, sondern die Reste des Psy­chologischen wurden zur Karikatur und Fratze pervertiert."(ebda., 54f)

Nach diesem eher exegetischen Rückgriff auf Revisionisten und dem Versuch, die Adornoschen Begriffe psychoanalytischer Kategorien zu klären, zur eigentlichen Kritik. Mit Freud ist gegen die Revisionisten einzuwenden, daß der direkte gesellschaftliche Einfluß auf das Triebleben nur im Bereich des Ichs geschieht. Dort werden die gesellschaftlich rationalen Forderungen qua Zensur und Verdrängung, als Über‑Ich an den irrationalen, psychologischen Ort des Unbewußten transferiert. Zu verwerfen dagegen ist laut Adorno die Art der Konstruktion des Es, die Freud formu­liert. Die von ihm behauptete "'Zeitlosigkeit' des Unbewußten"(ebda., 61) hat noch ihren Sinn, denn in ihr erscheint die wirkliche Starrheit, in der sich das Unbewußte als Es präsentiert. Dagegen aber fällt Freud an zwei Orten und auf je zweierlei Weise darauf hinein, daß die auch das Es konstituierende Gesellschaft nach abstrakten Gesetzen wirkt, die zum Objekt ihrer Wirkung Einzelnes, das nicht bloß Exemplar wäre, als Inkommensurables nicht zulassen kann. Die beiden Orte sind der Begriff des Trieb­ziels und der Begriff von der Starrheit des Unbe­wußten (soweit es Es ist). Die beiden Weisen sind je die Form und der Inhalt der Freudschen Thesen hierzu. Zum ersten. Adorno schreibt: "unterm ge­sellschaftlichen Druck spricht die psychologische Schicht nur noch aufs Immergleiche an und versagt vor der Erfahrung des Spezifischen."(ebda., 61) (Wer mit dem offenen Lächeln des Lebenstüchtigen statt von Genuß von Kalorienzufuhr spricht, legt davon beredtes Zeugnis ab) In dieser Abstraktion der Erfahrung hat die Gesellschaft die Individuen sich gleichgemacht, solch subjektiver Zustand ist Ergeb­nis der gesellschaftlichen Nötigung, die sich im Laufe der Geschichte machtvoll durchgesetzt hat. "Im Unbewußten sedimentiert sich, was immer im Subjekt nicht mitkommt, was die Zeche von Fort­schritt und Aufklärung zu bezahlen hat. Der Rückstand wird zum 'Zeitlosen'". (ebda) Dies historische Ergebnis der verarmten Erfahrung nimmt Freud nun als invariant an, setzt es als überzeitliches Modell, dem die Individuen als Exemplare zu genügen haben (Daß sie es tun, ist eben historisch entwickelt und damit prinzipiell wider­rufbar). Er tut das inhaltlich, indem er das Es kategorialisiert, und zwar samt inhaltlicher Be­stimmungen. "Die Verarmung durch endlose Tradition des Negativen hatte er als eine anthropologische Bestimmung hypostasiert. Geschichtliches wird invariant, Seelisches dafür zur historischen Begebenheit."(ebda.) Er tut das formal, indem er Triebanspruch und dessen Befriedigung prinzipiell nach abstrakter Art, als Energieausgleich faßt. In der durch die Gesellschaft erzwungenen "Sedimentierung" des Unerfüllten im Unbewußten, in welcher Gesellschaft Form, der immergleichen, exemplarischen, das Bedürfnis sich wiederfindet, erscheint es als qualitätslos und findet jetzt seinen adäquaten Ausdruck und den ebensolchen seiner Befriedigung in einer größeren oder kleineren Quantität von Libido, "einer somatisch‑ lokalisierten Befriedigung.... die sich um so gründlicher in 'some fun' verwan­delt, je beflissener das Bewußtseinsleben der Erwachsenheit (der sekundären, äußerlichen Einpassung in die Gesellschaft, A. H.) zustrebt."(ebda.) Das Verhältnis von Bedürfnis und Befriedigung ist bei Freud so abstrakt, wie es durch die Gesellschaft erzwungen wird. Dagegen Adorno: "Das Traumatische ist das Abstrakte. Darin ähnelt das Unbewußte der Gesellschaft, von der es nichts weiß, und die selber dem abstrakten Gesetz gehorcht, und taugt zu ihrem Kitt."(ebda.) Zum zweiten. Die Starrheit des Unbewußten zieht Freud auf reale Ereignisse in der fernen Vergangen­heit ab. Er tut dies im selbstverständlichen Ein­verständnis mit der gesellschaftlichen Forderung nach abstrakter Exemplifizierung der Individuen; inhaltlich, indem er die fernen Ereignisse mit gleicher, abbildender Wirkung für die Individuen aller Epochen annimmt, "die von ihm selbst entdeckte Modifikation alles Realen im Unbewußten... ver­gißt"(ebda.) und die dem gesellschaftlichen Ab­straktionsgesetz geschuldete immergleiche Konstituierung des Unbewußten durch immergleiche Ereignisse in unhintergehbare reale Geschehnisse zementiert, formal, indem er überhaupt der tradi­tionell theoretischen Forderung nach allgemeinen Gesetzen nachgibt und die Ereignisse historisch dingfest macht.

"In dem nur allzu widerleglichen Bestreben, an unwiderleglichen Fakten Halt zu finden, manife­stiert sich in Freud ein unbesehen bejahtes Gesellschaftliches, der Glaube an die üblichen Kriterien der gleichen Wissenschaft, die er herausforderte."(ebda., 62) "So wird die autarkische Psychologie, obwohl sie es sich verbietet, nach der Gesellschaft hinzu­blinzeln, kaum weniger von dieser geäfft als die soziologisch versierte."(ebda.)

Nochmals: Die naturwissenschaftliche Betrachtung der Seele erklärt sie aufklärend aus der Wirklichkeit, fällt jedoch durch die positivistische Hyposta­sierung des gegebenen Zustands in Apologie des Bestehenden zurück. Freud reduziert das Seelenleben auf die Wiederholung von bereits Gewesenem. In solcher Historisierung liegt ein aufklärerisches Moment. Besonders in der Theorie von der infantilen Sexualität wird deutlich, daß die Seele nicht vom Himmel fällt, sondern, wenn der Begriff überhaupt zu halten ist, Ergebnis eines bestimmten und bestimm­baren Leidenswegs ist. "Die analytische Theorie denunziert die Unfrei­heit und Erniedrigung der Menschen in der unfreien Gesellschaft ähnlich wie die materiali­stische Kritik einen von der Wirtschaft blind beherrschten Zustand."(ebda.) In der oben dargestellten traditionellen Form jedoch, in der sie dies tut, fällt die aufkläreri­sche Möglichkeit in den Mythos zurück, das Wirkliche zum Notwendigen zu verhärten. Adorno schließt an:

"Aber unter ihrem mit dem Tode verschworenen Medizinerblick gerinnt die Unfreiheit zur an­thropologischen Invariante, und damit versäumt die quasi‑ naturwissenschaftliche Begriffsappa­ratur an ihrem Gegenstand, was nicht nur Gegen­stand ist: das Potential der Spontaneität... Die auf sich selbst zurückgeworfene, gleichsam objektlose Seele erstarrt zum Objekt. Sie kann aus ihrer Immanenz nicht ausbrechen, sondern erschöpft sich in ihren energetischen Glei­chungen. Die streng nach den eigenen Gesetzen studierte Seele wird unbeseelt: Seele wäre erst das Tasten nach dem, was sie nicht selbst ist."(ebda., 62f)

Zum Schluß will ich den Kern der Kritik Adornos an Freud, das Moment der totalitären, traditionellen Theorie bei diesem, zusammenfassend beschreiben.

"Die spezifisch gesellschaftlichen Phänomene haben sich durch die Einschaltung abstrakter Bestimmungen zwischen die Personen, zumal des Äquivalententauschs, und durch die Herrschaft eines nach dem Modell solcher von den Menschen abgelöster Bestimmungen gebildeten Organs, der ratio, von der Psychologie emanzipiert."(ebda., 50)

Freud verfällt diesem Moment der Ratio entgegen dem gleichwohl vorhandenen, antisystematischen Zug seiner Theorie, indem er seine Funde ins Allgemeine zu treiben sucht. Mit der Systematisierung selbst der Konflikte zwischen Individuum und Gesellschaft, wird eine Geschlossenheit erreicht, die stets die Grenzen der Gesellschaft sakrosankt setzt, innerhalb derer Wirklichkeit die Notwendigkeit eingesetzt wird. So mißrät die Form des bestimmten gesell­schaftlichen Inhalts zur Form an sich und Ödipus zur konkreten Allgemeinheit. Dieser der Denkform ge­schuldete, die Gesellschaft affirmierende Zug innerhalb der Theorie Freuds führt mit eigener Schwerkraft zur Vereinnahmung der Psychoanalyse als 'Erklärung' der menschlichen Schlechtigkeit und ihrer Therapie als Mittel, die Menschen diese Gesellschaft entspannter aushalten zu lassen.

"Daß die spezifisch psychologische Begabung fast stets ein irrationales, jedenfalls antisyste­matisches Moment enthält, ist selber keine psychologische Zufälligkeit, sondern leitet sich her vom Gegenstand, von der abgespaltenen Irra­tionalität als dem Komplement der herrschenden ratio. Freuds wissenschaftsstrategischer Erfolg beruht nicht zum letzten darauf, daß in ihm zu der psychologischen Einsicht ein systematischer Zug sich gesellte, der mit Ausschließlichkeit und Herrschaftsdrang verfilzt war. Während genau die Intention, seine Funde ins Totale zu treiben, das Moment der Unwahrheit an der Psychoanalyse zeitigte, dankt sie ihre Suggestivkraft eben diesem Totalitären. Sie wird rezipiert als Zauberformel, die alles zu lösen verspricht."(ebda., 51)

So betrachtet, sind die offen reaktionären Äuße­rungen Freuds (etwa: "Es ist ein Stück der angebo­renen und nicht zu beseitigenden Ungleichheit der Menschen, daß sie in Führer und in Abhängige zer­fallen."(Freud, 1932, 285)) seiner Theorie keineswegs äußerlich, sondern erwachsen zwanglos den Momenten seiner Lehre, die unkritisch die gesellschaftlichen Verletzungen des Subjekts in diesem als Triebanlagen kopiert und es so noch einmal zu dem macht, als was es sich nach der Niederlage wiederfindet, als bloßes Objekt und kybernetischer Durchmarschsort der Kapitalinteressen.



Literaturverzeichnis


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Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 3, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1984


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Theodor W. Adorno: "Minima Moralia", Gesammelte Schriften, Bd. 4, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1980


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Theodor W. Adorno: Die revidierte Psychoanalyse, Gesammelte Schriften, Bd. 8, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1980, S.20-41


Adorno 1955

Theodor W. Adorno: Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, Gesammelte Schriften, Bd. 8, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1980, S.42-85


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Sigrun Anselm: Freud als Aufklärer, in: Hans Martin Lohmann (Hrsg.): Das Unbehagen in der Psychoanalyse, Fischer TB, Frankfurt/Main, 1985, S.40-49


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Sigmund Freud: Die Traumdeutung, StA (Studienausgabe), Bd.II, Fischer, Frankfurt/Main, 1982


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Freud 1915b

Sigmund Freud: Zeitgemäßes über Krieg und Tod, StA (Studienausgabe), Bd.IX, Fischer, Frankfurt/Main, 1982, S.33-60


Freud 1916/17

Sigmund Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, StA (Studienausgabe), Bd.I, Fischer, Frankfurt/Main, 1982, S.34-445


Freud 1917a

Sigmund Freud: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse, in: ders., Darstellungen der Psychoanalyse, Fischer TB, Frankfurt/Main, 1990, S.130-138


Freud 1921c

Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse, StA (Studienausgabe), Bd.IX, Fischer, Frankfurt/Main, 1982, S.61-134


Freud 1925d

Sigmund Freud: Selbstdarstellung, in: ders., Selbstdarstellung, Fischer TB, Frankfurt/Main, 1989, S.37-100


Freud 1932

Sigmund Freud: Warum Krieg?, StA (Studienausgabe), Bd.IX, Fischer, Frankfurt/Main, 1982, S.271-286


Freud 1933a

Sigmund Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, StA (Studienausgabe), Bd.I, Fischer, Frankfurt/Main, 1982, S.448-608


Freud 1939a

Sigmund Freud: Der Mann Moses und die monotheistische Religion: Drei Abhandlungen, StA (Studienausgabe), Bd.IX, Fischer, Frankfurt/Main, 1982. S.455-561


Freud 1940a

Sigmund Freud: Abriß der Psychoanalyse, in: ders., Abriß der Psychoanalyse, Das Unbehagen in der Kultur, Fischer TB, Frankfurt/Main, 1984, S.7-61


Grubrich-Simitis 1985

Grubrich-Simitis: Metapsychologie und Metabiologie, in: dies., Freud (1985), zitiert nach Lorenzer 1988, S.435


Horkheimer 1937

Marx Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie, in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jahrgang 6, DTV, München, 1980, S.245-294


Lorenzer 1988

Alfred Lorenzer: Freud: Die Natürlichkeit des Menschen und die Sozialität der Natur, in: Zeitschrift ‚Psyche', 5/88, S.426-438


Marx 1845

Karl Marx: Thesen über Feuerbach (1845), in: MEW, Bd. 3, Dietz Verlag, Berlin, 1983, S.1-7


Marx/Engels 1845/46

Karl Marx / Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, in: MEW, Bd. 3, Dietz Verlag, Berlin, 1983, S.9-530


Nitzschke 1991

Bernd Nitzschke: Freuds Vortrag … wir und der Tod …, in: Zeitschrift ‚Psyche', 2/91, S.97-131


Schopenhauer 1847

Arthur Schopenhauer: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Bd. V, Diogenes, Zürich, 1983, S.7-179