7 Minuten Lesezeit (1463 Worte)

Wahrheit

Ich bin den Artikel ‚Wahrheit' im ‚Historischen Wörterbuch der Philosophie' (HWPh) durchgegangen und habe mal alles herausgeklaubt, was mir für den aus dem Zauberberg von Thomas Mann übernommenen Satz „Wahr ist, was dem Menschen frommt." in den Kram passt. Der Text geht übrigens so weiter: „In ihm ist die Natur zusammengefaßt, in aller Natur ist nur er geschaffen und alle Natur nur für ihn. Er ist das Maß der Dinge und sein Heil das Kriterium der Wahrheit. Eine theoretische Erkenntnis, die des praktischen Bezuges auf die Heilsidee des Menschen entbehrt, ist dermaßen uninteressant, daß jeder Wahrheitswert ihr abzusprechen und ihre Nichtzulassung geboten ist."1 Die Nichtzulassung muss ja nicht sein, man soll ja disputierend gemeinsam die Wahrheit suchen und finden, aber die Bindung der Wahrheit an Ethik und Moral wäre mir doch sehr recht. Also hier der parteiliche historische Abriss:


Aristoteles (384-322 v. Chr.) unterscheidet zwischen ‚wissenschaftlicher Erkenntnis (Theoria), die notwendige Sachverhalte zum Gegenstand hat, und praktischer Kompetenz, die im Bereich des Veränderlichen und Kontingenten agiert ... Im Bereich praktischer Erkenntnis spricht Aristoteles von praktischer Wahrheit (ἀλήθεια πρακτική), die eine «Homologie mit dem rechten Streben» einschließt.'2 Das ‚rechte Streben' klingt schon ein bisschen nach ‚frommen', oder?


Die Stoiker (ab 300 v. Chr.: „Bemerkenswert ist die stoische Unterscheidung zwischen dem Wahren (ἀληθές) und der Wahrheit (ἀλήθεια): Das Wahre sei jeweils ein der Fall seiendes Axioma, die Wahrheit hingegen «das Wissen, das alles Wahre auszusagen vermag» (ἐπιστήμη πάντων ἀληθῶν ἀποφαντική) ... Während das Wahre unkörperlich sei, da ein Lekton, sei Wahrheit körperlich. Im Hintergrund dieses letzteren Paradoxons stehen die Prämissen, daß das rationale Prinzip im Menschen, das Hegemonikon [genuin stoische Benennung des Zentralorgans der Seele3], etwas Körperliches sei (Pneuma) und daß Qualitäten generell nichts anderes als Körper in einer bestimmten Verfaßtheit seien. Wahrheit ist menschliches Pneuma in seiner besten Verfaßtheit."4 Auch hier haben wir bereits eine Instanz, die sogar menschlich körperlich für die Wahrheit einsteht, als Grundlage für alle einzelnen Urteile in der Außenwelt. Ich habe da die paradiesische körperliche Grundstimmung des Fötus vor Augen, die im nachgeburtlichen Leben, wie auch immer pervertiert, präsent bleibt.


Dann kommt das Mittelalter, und das Mittelalter ist dunkel. Verschiedene Formen von Übereinstimmung zwischen Intellekt und Sache werden ausgedacht, jeweils verschieden bezogen auf die göttliche Wahrheit, und des Haare Spaltens ist kein Ende. Langweilig.

Anschließend kommt Skeptizismus, aber immer noch mit Gott im Hintergrund, dann die implizite Loslösung von ihm und Vorbereitung des modernen Leberwurstbegriffs von Wahrheit. Spitze Francis Bacon (1561-1621), der Wahrheit und Nützlichkeit direkt identifiziert5.


Interessant wird es wieder im deutschen Idealismus, der in der Folge der Kantischen Transzendentalphilosophie (Kant: 1724-1804) die Wahrheit wieder ernst und ins Subjekt zurücknimmt. Das ist zwar erst einmal nur formal erkenntnistheoretisch gemeint, tastet aber zuweilen auch schon weiter:

„Die herkömmliche Vorstellung einer Wahrheit, die sich ohne Rekurs auf das die

Wahrheit erkennende Subjekt explizieren läßt, ist durch I. Kants Kopernikanische Wende vom «objektiven» Erkenntnisgegenstand zu den «subjektiven» Bedingungen der Erkenntnis bleibend verändert worden. Kant zufolge muß nämlich das Wesen der Wahrheit im Ausgang vom Subjekt als «transzendentale Wahrheit » begriffen werden, «die vor aller empirischen vorhergeht und sie möglich macht». Diese transzendentale Neubestimmung der Wahrheit führt bei Kant zu der systematisch wegweisenden Konsequenz, daß der praktischen Vernunft ein «Primat» vor der theoretischen zugesprochen wird und der Begriff der Freiheit zum «Schlußstein» des philosophischen Systems avanciert.6

Und wie ein Schussstein gedanklich bereits im Fundament vorhanden sein und dieses bestimmen muss, so ist Hegels (Hegel: 1770-1831) Selbstbewegung des absoluten Geistes zu verstehen als Bewegung der Freiheit zu sich selbst – aus Freiheit.

Fichte (1762-1814): „Wahrheit ist Übereinstimmung mit uns selbst, Harmonie"7.

Beim Wort Harmonie klingt für mich schon das intrauterine Paradies mit.

Schelling (1775-1854) „stellt der «hergebrachten Unterwürfigkeit unter die Herrschaft objectiver Wahrheit » den Primat der Freiheit entgegen und sucht «den Sclaven objectiver Wahrheit durch Ahnung der Freiheit zu erschüttern ... Alles ist nur im Ich und für das Ich »."8 Und weiter: Die Wahrheit wird „aus «dunklen» Voraussetzungen überhaupt erst «herausgebildet»"9 Schelling denkt an die sokratischen Dialoge, in denen die Wahrheit „erzeugt" werde; ich denke an den Uterus, in dem jene Voraussetzungen der Wahrheit dunkel, weil abstrakt, im Werden des Fötus angelegt werden.

Schopenhauer (1788-1860) fasst die Welt schließlich überhaupt als Wille und Vorstellung auf, und die Erkenntis, dass es so sei, als philosophische Wahrheit κατ' εξοχην (schlechthin)10. Nur identifiziert er die falsche Welt mit jenem Willen und ruft darum auf, ihn zu verneinen. Freud wird zeigen, wie der empirische Wille krank ist und viel freundlicher aussehen könnte, wenn er geheilt werden würde. Wiederum hier die intrauterine Ausbildung des ‚Willens' einzusetzen.

Rudolf Hermann Lotze (1817-1881): „In der ‹Metaphysik› von 1841 bestimmt er Wahrheit in der Nachfolge Fichtes und in kritischer Auseinandersetzung mit Hegel teleologisch aus ihrem Sinnbezug. Die Formen des Erkennens «werden wahr sein, sobald sie dem dienen, was sein soll». In diesem ethisch-teleologischen Zusammenhang ist die Wahrheit «nicht das Prius, sondern sie hängt daran, daß das Reich des Guten sie als ihre nothwendige Voraussetzung, sowohl ihrem Dasein als ihrer Bestimmtheit nach hervorbringt»"11 Ich kenne Lotze nicht, aber es klingt, als sei meine Auffassung Paraphrase dazu, oder?


Im Materialismus Feuerbachs und Marx' wird schließlich der Wahrheitsbegriff des Idealismus dem wirklichen Menschen zurückgegeben. Feuerbach (1804-1872) begreift die Wahrheit als „«die Totalität des menschlichen Lebens und Wesens»"12, woran Marx (1818-1883) kritisiert, „«daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv» ... Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme», ist somit für Marx «keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen»."13

Der geschichtliche Weg aber dieser Praxis, also der Weg der Wahrheit, ist für Marx vollkommen klar; es ist der Weg zum Kommunismus. Und mehr behaupte ich ja gar nicht. Ich gebe nur den Grund an für den Willen zum Kommunismus, den Marx einfach als selbstverständlich aus dem Elend des Proletariats hervorgehend annahm.


Schließlich nun die Kritische Theorie. Horkheimer (1895-1973): „[Der] Wahrheits-Begriff einer materialistischen, im Gegensatz zu Hegel unabgeschlossenen Dialektik [ist] nicht mehr am Gottesgedanken orientiert, also «menschliche», wenngleich keineswegs subjektiv-beliebige Wahrheit. Denn «Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand» ist kein «Faktum», sondern muß stets (vor allem «in geschichtlichen Kämpfen») «hergestellt» werden. So wird ‹Wahrheit› mit ‹Gerechtigkeit› «identisch», mithin zu einem «Moment der richtigen Praxis».14

Adorno (1903-1969): „«Daß eine Formulierung des Begriffs der Wahrheit ohne bestimmten Begriff von Negativer Theologie unmöglich ist», daß Wahrheit nichts anderes ist als der «Inbegriff der Negation dessen, was falsch ist», verleiht dem Wahrheits-«Begriff» TH. W. ADORNOS von Anfang an seine besondere Gestalt."15 Und: „«Am Ende ist Hoffnung, wie sie der Wirklichkeit sich entringt, indem sie diese negiert, die einzige Gestalt, mit der Wahrheit erscheint. Ohne Hoffnung wäre die Idee der Wahrheit kaum nur zu denken»."16


Mit Habermas (*1929) kommt nun von Feuerbach her außer dem Moment der Befreiung noch das Moment der Verständigung (das freilich Hegel ebenfalls schon setzt), das auch mir wesentlich zu einem tragfähigen Begriff der Freiheit dazuzugehören scheint:

Der „«versöhnte Zustand» (ADORNO) beschreibt nach HABERMAS die «Struktur des Zusammenlebens in zwangloser Kommunikation. Und ein solches antizipieren wir notwendig, seiner Form nach, jedesmal dann, wenn wir Wahres sagen wollen». Erst dieser «Vorgriff» auf eine «ideale Sprechsituation» garantiert, daß es sich um einen «wahrheitsverbürgenden Konsensus» handelt."17 Feuerbach: „«Wahrheit» ist nur in der «Verbindung», «Einheit von zwei sich wesensgleichen Wesen» zu finden, die «Gemeinschaft des Menschen mit dem Menschen» daher «das erste Princip und Kriterium der Wahrheit»."18

Daher ist die Utopie, gerade wenn sie es wagt, über die Kritik des Bestehenden hinauszugehen und eine positive Skizze zu machen, davon abhängig, kommunizierbar, also verständlich zu sein. Der Gefahr, dem beschädigten Publikum zu gefallen bzw. auf sein affirmatives Niveau hinabzusinken, muss in jedem Augenblick widerstanden werden. Aber eine Geschichte, die auf einen wahren Zustand zielt, auf einen Zustand der Verständigung, und selbst elitär ist, verfehlt formal ihr Ziel und damit ganz.


1 Thomas Mann: Der Zauberberg, große kommentierte Frankfurter Ausgabe, Fischer, Frankfurt/Main, 2002, Bd. 5.1, S. 600)

2 Historisches Wörterbuch der Philosophie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Schwabe AG, Basel, 2004, Bd. 12, Sp. 52

3 A. a. O. Bd. 3, Sp. 1030

4 A. a. O. Bd. 12, Sp. 53

5 siehe a. a. O. Bd. 12, Sp. 77

6 A. a. O. Bd. 12, Sp. 92

7 A. a. O. Bd. 12, Sp. 91

8 A. a. O. Bd. 12, Sp. 89

9 A. a. O. Bd. 12, Sp. 93)

10 Siehe a. a. O. Bd.12, Sp. 94

11 A. a. O. Bd. 12, Sp. 100

12 A. a. O. Bd. 12, Sp. 95)

13 Ebd.

14 A. a. O. Bd. 12, Sp. 109

15 Ebd.

16 A. a. O. Bd. 12, Sp. 110

17 Ebd.

18 Ebd.