14 Minuten Lesezeit (2822 Worte)

Das Uterusparadies

Die Analyse der menschlichen Verhältnisse beginnt mit der Frage, „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt."1 Dass sie das tut, gilt heute nicht minder als 1944. Die Naziherrschaft ist zwar besiegt worden, doch formieren sich die Unmenschen schon wieder und gewinnen gesellschaftliche Macht. Auch in Deutschland sind Menschen wieder bereit, offen andere Menschen dafür zum Tode zu verurteilen, dass sie eine andere Hautfarbe haben, anders beten oder auch nur ein besseres Leben suchen.

Welche Möglichkeiten zum Besseren gibt es angesichts dieser Verhältnisse? Adorno wusste 1951 selbst für den kritischen Geist keinen anderen Rat als diesen: „Das einzige, was sich verantworten läßt, ist, den ideologischen Mißbrauch der eigenen Existenz sich zu versagen und im übrigen privat so bescheiden, unscheinbar und unprätentiös sich zu benehmen, wie es längst nicht mehr die gute Erziehung, wohl aber die Scham darüber gebietet, daß einem in der Hölle noch die Luft zum Atmen bleibt."2

Vor diesem Wort erscheint der Versuch einer Synthese, also einer Zusammenfügung der aktuellen analytischen Befunde zu einem Ganzen, zur Möglichkeit des Eintritts der Menschheit in einen wahrhaft menschlichen Zustand, eitel. Was könnte im Lichte des allgegenwärtigen Unmenschentums standhalten oder sogar eine Umkehr begründen?

Einen Hinweis gibt Adorno selbst einige Seiten vor der gerade zitierten Stelle: „Das reduzierte und degradierte Wesen sträubt sich zäh gegen seine Verzauberung in Fassade."3

Ja, aber wie kann es das überhaupt, wenn Marxens Diktum, das menschliche Wesen sei das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse4 doch eher nahelegt, dass die Menschen ganz im Betrieb aufgehen, wenn sie nicht direkt körperlich bedrängt werden? Warum grassieren selbst im reichen Deutschland Depressionen, Hass auf und Gewalt gegen Schwächere, Autobahnrasen, Grillen, Urlaubsflüge und weitere trostlose, kranke Gemütslagen und Tätigkeiten? Man kann das Genannte als untaugliche Versuche erklären, der eigenen Misere zu entkommen. Ja, aber wieso wird eine Misere empfunden?

Aus welcher Quelle kommt der Widerwille gegen jene „Verzauberung in Fassade"? Könnte eine solche Quelle die Hoffnung aufrechterhalten, die Flaschenpost transportieren, welche eine Umkehr zum „wahrhaft menschlichen Zustand" in der objektiven Möglichkeit hält?

Was macht uns mit den herrschenden Zuständen unzufrieden, was haben wir in uns, das darüber hinaus will?

Meine Überzeugung ist, dass die besagte Quelle das Uterusparadies ist, das wir alle erlebt haben, woran sich aber niemand erinnern kann. Dabei ist der Begriff Uterusparadies wörtlich gemeint:

Alle Menschen beginnen ihr Leben als befruchtete Eizelle, aus der ein Zellhaufen wird, aus der ein Embryo wird, aus dem schließlich ein Fötus wird, bevor sie geboren werden. Im Mutterleib leben sie, falls es nicht außergewöhnliche Störungen gibt, paradiesisch. Sie müssen sich keinerlei Sorgen machen, sind keinerlei Bedrohungen ausgesetzt, müssen keine Schmerzen erleiden, weder essen noch trinken noch aufs Klo gehen, sie müssen noch nicht einmal atmen. Stattdessen entwickeln sie sich ungehemmt; spielerisch und ohne Grenzen wachsen sie stetig über sich selbst hinaus. Wie fühlt sich dieses Leben wohl an? Wie entwickelt es sich von den allerersten Sinnesreizen an bis zur Geburt? Welchen Einfluss hat dieses Leben auf das Leben nach der Geburt?

Das Missliche ist: Wir können uns nicht daran erinnern. Warum nicht? Aus der Psychologie kennen wir den Tatbestand der kindlichen Amnesie. Selbst die erste Zeit nach der Geburt ist dem Gedächtnis unerreichbar. Die Zeit vor der Geburt umso mehr. Psychoanalytisch könnte man vermuten, dass das Geburtstrauma diese Amnesie verursacht. Das Trauma streicht die Zeit vorher und lässt das Gedächtnis sich auch nachher erst langsam berappeln. Ohne Psychoanalyse kann man einfach sagen, das Gehirn sei noch nicht reif genug, ein Gedächtnis auszubilden. Wie auch immer, der Tatbestand bleibt, wir können uns unser Leben im Uterus nicht zurück ins Bewusstsein bringen, wenn es überhaupt jemals dort war. Wenn wir als Fötus überhaupt Bewusstsein hatten.

Was ein Fötus jedenfalls vermutlich nicht hat, ist ein Selbstbewusstsein. Denn er hat ja doch wohl kein Selbst. Setzt ein Selbst nicht die Trennung von Subjektivität und Objektivität voraus? Und wird diese nicht erst erscheinen können, wenn sie sich dem dadurch erst zum Subjekt werdenden Individuum nach ihrer wörtlichen Übersetzung ‚entgegenwirft' (lat. obicio), also fremd erscheint, eine Störung verursacht?

Sich in eine subjektlose, selbstbewusstseinslose Situation eines Fötus hineinzuversetzen, erscheint deshalb paradox. Dieser Versuch kommt der Aufforderung gleich, die Vorstellungen eines Wesens von der Welt zu rekonstruieren, von dem man weiß, dass es sich keine Vorstellungen machen kann.

Dieses Paradoxon lässt sich meiner Ansicht nach folgendermaßen lösen: Wir beschreiben die subjektlose, objektivitätslose, selbstbewusstseinslose Erlebniswelt eines Fötus so, wie er es beschreiben würde, wenn er ein Subjekt mit Selbstbewusstsein wäre, wenn er ein Selbst hätte. Und indem wir das tun, bleiben wir des Umstands eingedenk, dass er eben kein Subjekt ist und kein Selbstbewusstsein hat. Wir beschreiben also bewusst unbewusste Vorgänge.

Das fordert die stete gedankliche Anstrengung, beide Momente im Bewusstsein zu halten. Wenn wir dem Fötus also attestieren, es höre Geräusche, dürfen wir nicht vergessen, dass nicht er, der Fötus, die Geräusche, die außer ihm entstanden sind, hört, sondern in seinem Erleben sich Geräusche ereignen, die die Grenze von innen und außen nicht kennen. Wenn wir annehmen, der Fötus sehe Lichtunterschiede durch die mütterliche Bauchdecke hindurch, so dürfen wir nicht vergessen, dass nicht der Fötus Licht außerhalb des Uterus warhnimmt, sondern in seinem Erleben sich Licht ereignet, ohne dass es eine Grenze von außen und innen gibt. Wenn wir dem Fötus eine paradiesische, eine glückliche Stimmung zuschreiben, eine Stimmung des ‚Alles ist gut', dann dürfen wir nicht vergessen, dass nicht er sich glücklich fühlt, sondern sich die Stimmung in ihm ereignet als Allgemeinheit, als Alles, als das Glück schlechthin. (Siehe ‚Der Geburtstag', S. 209 – 211)

Warum sollten wir diesen Versuch machen, Bewusstsein und Bewusstlosigkeit in eins zu denken und so eine Vorstellung von der Vorstellungslosigkeit zu gewinnen? Handelt es sich um eine lustige Denksportaufgabe?

Ich meine: nein. Denn es könnte sein, dass in dieser fötalen Situation, in seinem Erleben, in seinem Wachsen und Werden der Sinn menschlichen Lebens erscheint.

Wie das? Rekapitulieren wir. Wir nehmen erstens an, dass der Fötus paradiesisch lebt und auch erlebt, wenn er es auch nicht weiß und keine bewusstseinsfähigen Erinnerungen herstellen kann. Wir nehmen zweitens an, dass der Fötus, indem er noch keine Grenze von Außen und Innen, von Subjekt und Objektivität kennt, unbestimmt, aber allgemein erlebt. Wenn er sich wohlfühlt, kann er nicht sagen: Ich bin albern oder verliebt oder plantsche wohlig im Fruchtwasser rum. Vielmehr ist in ihm Wohlsein und dieses ist allumfassend, man könnte sagen: All umfassend.

Doch selbst, wenn dem so ist, könnte man einwenden, ist ja spätestens mit der Geburt das alles vorbei. Die paradiesische Situation muss nolens volens aufgegeben werden, man kann nicht ewig im Uterus bleiben. Man hat kein Gedächtnis an diese Situation und wird dieses Gedächtnis auch nicht mehr bekommen. Also haben wir zwar möglicherweise einmal im Paradies gelebt, aber sind daraus vertrieben worden, sogar ungerechterweise, ohne je eine Sünde begangen, ohne von einem Apfel gegessen zu haben. Und damit juck.

Ja. Aber vielleicht auch nicht. Die paradiesische Situation könnte sich auf zweierlei Weise erhalten haben. Erstens geistig. Spätestens seit Sigmund Freud können wir annehmen, dass es seelische Bezirke gibt, nach Freud sogar die weitaus größeren, die dem Bewusstsein normalerweise gar nicht zugänglich sind: das Unbewusste. Zweitens körperlich. Der Körper formt sich nach den Einflüssen, denen er ausgesetzt ist. Nicht nur ist, wenn man einen Schlag auf die Zwölf bekommen hat, möglicherweise die Nase platt, auch wird man nach genügend Demütigungen gebeugt gehen usw. usf.

Und wenn diese beiden Übertragungswege der paradiesischen intrauterinen Situation in das nachgeburtliche Leben tatsächlich bestehen, dann heißt das erstens, dass das vergangene und vergessene Paradies noch in uns ist, und dann heißt das zweitens, dass wir uns vermutlich danach sehnen, ohne sagen zu können, wonach eigentlich konkret. Wir sehnen uns, denn wie angenehm unser Leben nach der Geburt auch verläuft, es wird schwerlich und jedenfalls nicht andauernd so allumfassend sorglos und genussvoll sein wie unser Leben im Uterus (Wir waren allgemein heißt: Wir waren Gott!). Und diese Sehnsucht ist so allumfassend und durchdringend wie vorher das Uterusparadies. Wie wir geworden sind, so wollen wir wieder sein. Außerdem können wir aber dieses Leben im Uterus nicht bestimmen, weil wir es nicht erinnern, und selbst wenn wir es erinnern könnten, wären wir nicht in der Lage, seine Eigenschaften zu nennen, weil wir damals keine Unterscheidungen und Bestimmungen machen konnten.

Wir sehnen uns also nach etwas, das wir nicht bestimmen, nicht erkennen, nicht ansteuern können.

Da wir nun aber diese Sehnsucht als Sehnsucht nach dem Uterusparadies identifiziert und im Nachhinein bestimmt haben, können wir auch Bestimmungen zu ihren möglichen nachgeburtlichen Zielen versuchen. Klar ist, die Rückkehr in den Mutterleib ist unmöglich. Und ist auch, nebenbei gesagt, für einen Menschen mit entwickeltem Selbstbewusstsein nicht mehr das rechte Ziel. Welche Ziele sind also seiner Sehnsucht nach dem Uterusparadies in der Außenwelt adäquat? Erstens sind es Ziele, die geradezu auf der Hand liegen. Wie Föten im Uterus wollen auch geborene Menschen, dass sie es warm haben, allerdings lieber trocken als nass, dass sie keinen Hunger noch Durst leiden, keine Verletzungen, auch keinen Schmerz etc.

Dafür hätten wir den Ritt durch den Uterus nicht machen müssen. Weh spricht: Vergeh!, dem stimmen ohnehin fast alle, die nicht gerade Masochisten sind, zu.

Die zweite Gruppe von Zielen dagegen ist anders, sie ist revolutionär. Zurückgehend auf den Umstand, dass für den Fötus kein Außen und Innen besteht, also seine Stimmung und sein Genuss allgemein sind, richtet sich die Sehnsucht zurück danach ebenfalls ans Allgemeine, wenn nicht an Gott, dann ‚wenigstens' an die ganze Welt: Alles soll gut sein, alle Lust will Ewigkeit5, „Wolf und Schaf sollen beieinander weiden"6, alle Verhältnisse sollen umgeworfen werden, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes ein verlassenes, ein verächtiches Wesen ist"7, Semmeln sollen auf Bäumen wachsen8 ein göttliches Reich9, ein goldenes Zeitalter10 soll anbrechen, eine utopische Gesellschaft des Friedens soll enstehen11 usw. usf.

Und selbst dort, wo sich jene Sehnsucht sosehr selbst verkennt, dass sie in ihr direktes Gegenteil umschlägt, wo also der kollektive Kampf ums Überleben und der Tod fürs Vaterland zur Maxime gemacht werden12, wird Allgemeinheit angestrebt: Am deutschen Wesen soll einmal die Welt genesen13.

So banal es vielleicht klingen mag. Der Sinn menschlichen Lebens ist die wohlverstandene kommunistische Gesellschaft. Das war immer so und wird so bleiben, solange Menschen von Müttern geboren werden. Hierin liegt der Sinn von Mephistos Klage aus dem Faust über das ewig nachwachsende Gute.14

Das ist Ihnen erstens zu pathetisch und zweitens zu willkürlich?

Drehen wir die Frage einmal um: Wieso eigentlich gibt es denn überhaupt die Vorstellung vom und die Sehnsucht nach dem Paradies in seinen vielfältigen Formen durch die gesamte menschliche Geschichte hindurch immer und immer wieder? Wie kommen Menschen dazu, sich ideale Gesellschaften auszudenken, oder wenigstens einen Himmel, wo sie nach ihrem Tode in Ewigkeit unbehelligt sein dürfen?

Vielleicht waren und sind es immer nur diejenigen, die zu schwach sind, sich durchzusetzen und deshalb soziale Errungenschaften fordern. Ein Trick der Versager*innen. Kann sein. Vielleicht ist der Sinn des menschlichen Lebens tatsächlich nur, in Konkurrenz zu den anderen Menschen sein eigenes, privates Glück zu schmieden. Und vielleicht ist der in diesem Bemühen aufgehäufte Reichtum ja tatsächlich alles, was aus der menschlichen Natur vervorgeht.

Schöner wäre aber doch, wenn es wäre wie oben beschrieben, oder? Eine jedem Menschen schon vorgeburtlich vorgebildete Sehnsucht nach einer Menschheit, die in Liebe und Frieden lebt. Ich glaube nicht, dass diese These gegen Fakten verstößt. Sie ist möglicherweise wahr. Umgekehrt lässt sich die These, die menschliche Natur bestünde darin, dass alle bloß ihre Widersacher aus dem Weg räumen, Reichtum aufhäufen und gesellschaftliche Macht sammeln wollten, zwar nicht widerlegen, aber sehr gut psychologisch, ökonomisch und philosophisch als spezifisch bürgerliche Perversion, oder zumindest als eine des ‚Reichs der Notwendigkeit', erklären, deren Geschäftsgrundlage im ‚Reich der Freiheit'15 entfiele.

Also nehme ich mir mal die Freiheit, jene These zu wählen. Möge ein breites Bündnis der Versager*innen die Reichen und Starken vom Thron holen. Mögen die Potentaten der Welt, die Milliardäre und Staatsmänner, die Könige und Warlords, die Industriebosse und Waffenlobyisten enteignet werden und verurteilt zur Höchststrafe: Unprätentiös zu leben in einem mittelgroßen Haus auf einem mittelgroßen Grundstück am Rande einer mittelgroßen Stadt. Mit der Aufgabe, sich zu besinnen.


1 Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung (1944), in: Theodor W. Adorno, Ges. Schr., Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1984, Bd. 3, S. 11

2 Theodor W. Adorno: Minima Moralia (1951), Ges. Schr., Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1980, Bd. 4, S. 29

3 A. a. O., S. 13

4 Siehe Karl Marx: Thesen über Feuerbach (1845), Marx-Engels-Werke (MEW), Dietz Verlag, Berlin, 1983, Bd. 3, S.6

5 „O Mensch! Gib acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

‚Ich schlief, ich schlief – ,

Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –

Die Welt ist tief,

Und tiefer als der Tag gedacht.

Tief ist ihr Weh – ,

Lust – tiefer noch als Herzeleid:

Weh spricht: Vergeh!

Doch alle Lust will Ewigkeit – ,

will tiefe, tiefe Ewigkeit!'"

Friedrich Nietzsche: Also spricht Zarathustra (1885), in: Schlechta (Hrsg.), Werke in drei Bänden, Lizenzausgabe WB, Darmstadt, 1997, Bd. 2, S. 558

6 Bibel, Jesaja 65, 25a

7 Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 1, S. 385

8 „Auf Weidenköpfen Semmeln stehn,

Wildbäche unter ihnen gehn.

Die fallen dann in den Bach hinab,

Dass jedermann zu essen hab'."

Hans Sachs, in: Das Schlaraffenland (1530), Reclam, Leipzig, o. J., Bd. 1, S. 106

9 „Wie Anteus im Kampfe mit Herkules durch Berührung der Erde seine Kräfte erneuerte und sammelte so der Mensch durch Berührung des Himmels, durch den Sonntag seines Geistes wo er alle andre Sorgen, die Noth, und alle die Verständigkeit und Wissenschaften, die sich auf den beschränkten Zweck und Verhältnisse des Lebens beziehen von diesem substantiellen Leben Alles andere Thun, erst seine Bewährung seine Bekräftigung ja erst seine Berechtigung und Heiligung erlangt. –

Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, so wird euch das Übrige alles zufallen; das Reich Gottes diß ist das freye Geistesleben, das in seinem Wesen, in der Anschauung des Göttlichen in der Beschäftigung hiemit, in dem des Geistes würdigen Genusse lebt"

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1817), Beilagen, GW, Bd. 13, Meiner, Hamburg, 2000, S. 547

10 „Alle Völker, die eine Geschichte haben, haben ein Paradies, einen Stand der Unschuld, ein goldnes Alter; ja, jeder einzelne Mensch hat sein Paradies, sein goldnes Alter, dessen er sich, je nachdem er mehr oder weniger Poetisches in seiner Natur hat, mit mehr oder weniger Begeisterung erinnert.

Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung (1795), GW, Aufbau Verlag, 1955, Bd. 8, S. 598

11 "A map of the world that does not include Utopia is not worth even glancing at, for it leaves out the one country at which humanity is always landing."

Oscar Wilde: The soul of man under socialism (1891), in: Complete Works illustrated, CRW Publishing, 2006, S. 130

12 „… wie süß ist's, in der Schlacht

Für's Vaterland auf einem Wüt'rich sterben,

den man selbst umgebracht!"

Matthias Claudius (1740-1815), zitiert nach Arno Schmidt: Dya Na Sore, in: Bargfelder Ausgabe II/1, Dialoge, S. 309


14 „Was sich dem Nichts entgegenstellt,

Das Etwas, diese plumpe Welt,

So viel als ich schon unternommen,

Ich wußte nicht ihr beizukommen,

Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand,

Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!

Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut,

Dem ist nun gar nichts anzuhaben.

Wie viele hab' ich schon begraben!

Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut.

So geht es fort, man möchte rasend werden!"

Johann Wolfgang von Goethe: Faust - Eine Tragödie (1808), Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/Main, 1999, S. 65f, Verse 1363 - 1373

15 „Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion besei-

tigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaft-

lichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein

hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen

Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedin-

gungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Men-

schen, die nun zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer

eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als

fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller

Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen

bisher als von Natur und Geschichte oktroyiert gegenüberstand, wird jetzt ihre eigne freie Tat. Die objekti-

ven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen

selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst

von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in

stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit."

Friedrich Engels: ‚Anti-Dühring' (1894), in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 20, S. 264