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Historischer Materialismus (2007)

Nicht ganz geschickt, einen Ismus in die Überschrift zu stemmen. Ein Ismus verheißt Langeweile und Besserwisserei. Ich machs trotzdem, weil dieser Ismus, wohlverstanden, helfen kann, den ganzen Zirkus in uns und um uns und um uns herum zu begreifen. Und Begreifen ist immer gut, weil es blindes Verhängnis zu bekuckbarem und notfalls bekämpfbarem Gegenstand macht. So.

Materialismus soll hier heißen: Historischer Materialismus, wie Herr Marx wollte. Keinesfalls ist hier gemeint der sogenannte Dialektische Materialismus oder Diamat. Dieser ist von Übel, verwandelt die Welt in einen Klapperatismus, und man weiß vor lauter Notwendigkeit der Revolution gar nicht mehr, wozu die eigentlich gut sein soll.

Selbstverständlich ist auch nicht gemeint der heute fast durchweg benutzte Leberwurstbegriff von Materialismus. Dieser bedeutet die Gier nach schnellen Autos, Drinks, Geld usw. usf. Das ist natürlich bloß Mumpitz, bzw. eben was anderes.

Der hier gemeinte Materialismus kulminiert in Sätzen wie: „In seiner Wirklichkeit ist es [das menschliche Wesen, A. H.] das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse"1, oder „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt."2. So Karl Marx. Er beginnt bei ganz banalen Beobachtungen. Für einen Menschen ist die Welt so, wie er sie vorfindet. Werden Sie auf eine Insel geboren, wird die Welt vor allem Wasser sein; werden Sie im Gebirge geboren, wird die Welt eng sein; es gibt auch Wasser, aber nur als schweinekalter Bach, in dem das Baden eine Mutprobe ist. Oder eben nicht, weil die Wassertemperatur des Baches die einzige ist, die Sie kennen. Für den Waldbewohner ist ein Baum etwas ganz anderes als für den Großstädter, für den General etwas ganz anderes, als für das Liebespaar oder den Förster oder den Jogger....

Dies ist allerdings eher zweitrangig: an welcher physischen Mauer man der eigenen physischen Birne beibringt, daß das Leben ein hartes sein kann. Wichtiger und darum nach Gottes Ratschluß, der einem ja immer Steine in den Weg legt, etwas schwieriger zu begreifen ist die Bedeutung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Menschen kommen ja nur in Gesellschaft zupotte. Alleene gibts nur als Ausnahme. Und so eine Gesellschaft ist immer in bestimmter Weise organisiert. Mal herrschen Wenige über Viele, mal gibt's Demokratie, dann bestimmen mal die Priester, selten auch mal die Frauen etc. In jedem Fall aber kommt es einem, der in eine solche Gesellschaft hineingeboren wird, erstmal so vor, als wenn diese bestimmte Gesellschaft die einzig mögliche wäre. Wie sollte man auch darauf kommen, die Gesellschaft zu kritisieren, die die einzige ist, die man kennt, in der man leidlich zurechtkommt und bei der schließlich alle anderen auch mitmachen? Auch Mama ist Repräsentantin der Gesellschaft, sie schmust mit uns, gibt uns Trinken und Essen, päppelt uns. Und Mama ist wie immer entscheidend: wenn es nur darum ginge, eben keine andere als die vorhandene Gesellschaft zu kennen, könnte man hingehen und sagen, hier, diese Gesellschaft ist aus den und jenen Gründen scheiße, hier mein Vorschlag, Palaver, Beschluß, Abschaffung der Atomkraftnutzung usw. Durch Mama aber und später noch durch viele andere, verknüpft sich die Verfassung der Außenwelt für uns mit Antipathie und Sympathie, mit Geborgenheit und Gefahr, mit Lust und Leid. In diesem Prozess werden wir das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Welt, so wie sie ist, ist unser Heim. Revolutionär werden wir erst, wenn wir buchstäblich hinausgeworfen werden, wenn wir nichts mehr zu fressen haben. Aber selbst das ist nicht sicher. (Über den sogenannten Fetisch- Charakter der Ware, der noch eine andere Bindung an das Vorhandene meint, später mal) Wir sind ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, indem wir diese Verhältnisse als empirische Fakten und als lustbesetzte seelische Fakten in uns haben. Das ist das hüpfende Komma.

Wie sehr das auch für Sie und mich gilt, läßt sich leicht nachfühlen, wenn wir lesen von Leuten, die die Selbstverständlichkeit von vergangenen, ehemaligen gesellschaftlichen Verhältnissen bezeugen. Nehmen wir nur den obersten Bekenner aller Reußen: Dr. Martin Luther. Er schreibt, zitiert in einem Schulbuch von 1894, unter der Überschrift „Die Obrigkeit" Folgendes: „Es muß Obrigkeit in der Welt sein, damit Recht und Ordnung erhalten werde. Denn was meinst du, würde aus einem Lande werden, wo keine Obrigkeit wäre? Sie würden sich allesamt die Hälse brechen, und wer den andern vermöchte, der träte ihn mit Füßen. Obrigkeit ist eine göttliche Ordnung. Und durch diese göttliche Ordnung erhält Gott zeitlichen Frieden und alles, was unter der Sonne geschieht. Wo die Obrigkeit aufgehoben wird, so werden die ärgsten Buben regieren, die nicht wert sind, daß sie die Schüssel sollten waschen." Wenn Sie das belustigt: Der Grund, warum uns nicht in gleicher Weise belustigt, wenn heute von der Selbstverständlichkeit von Demokratie und insbesondere Marktwirtschaft geredet wird, liegt einfach darin, daß wir selbst Demokratie und Marktgesellschaft sind. Wesentlich.

Um sich das Selbstverständliche und Liebgewonnene erhalten zu können, und das heißt: um sich selbst erhalten zu können, lügen die Menschen solange anderen und vor allem sich selbst in die Tasche, daß die Schwarte kracht, die Balken sich biegen und was sonst noch, bis sie wenigstens so tun können, als glaubten sie sich selbst ihre Theodizee, also ihre Rationalisierung, also ihre Lüge im Gewande der Vernunft.

Warum ist es gut, das zu wissen? Die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse sind eine Katastrophe. Immer mehr Menschen haben unter der alleinigen Herrschaft des Kapitals tatsächlich nur noch Elend zu verwalten, und selbst wir Supperreichen bekommen Neurosen, Burnout, Krebs etc. Unsere äußeren Lebensbedingungen zerstören wir nachgerade systematisch. Die Wirtschaftspotentaten kümmert das einen Scheißdreck und die politisch Verantwortlichenen kümmern sich zumeist wesentlich eher um ihre Aufsichtsratsposten. etc.


1 MEW 3, S.6

2 MEW 13, S.9